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Der Sieg über den Egoismus
Die vierte Stufe der Transformation

John G. Bennett

 

Die vierte Stufe [der Transformation] bringt den Menschen in sein wahres Selbst, doch es führt ihn auch an die Wurzel seiner Schwierigkeiten – den Egoismus, der das innerste Zentrum seines Selbsts besetzt und vergiftet. Damit stehen wir vor dem Hauptproblem der menschlichen Transformation: nämlich aufzuzeigen, wie ein vom Egoismus korrumpierter Wille jene Zerstörung des Egoismus bewerkstelligen kann, welche die Bedingung für die Vereinigung von Existenz und Essenz ist. Egoismus ist die Verneinung jeglicher Wirklichkeit außer der eigenen Existenz und die Verwerfung von jeglichem Willen außer dem eigenen. Gehorsam und Selbstdisziplin können auf den vorangehenden Stufen vorkommen und gegen den Egoismus gerichtet erscheinen. Unglücklicherweise zeigt uns die Erfahrung jedoch nur allzu oft, dass dies nicht im Geringsten der Fall sein muss.[1] Es ist möglich, die existenzielle Vereinigung des Willens in gewissen Grenzen im wahren Selbst zu erreichen und so sein eigenes Ich zu erlangen, aber dennoch Sklave seines Egoismus zu bleiben.

Alle Religionen sehen in der Austreibung des Egoismus die Bedingung für die Heiligwerdung des Menschen, und doch gelingt sie nur wenigen. Ein Grund liegt darin, dass an diesem kritischen Punkt die Arbeit, welche auf den vorangegangenen Stufen notwendig war, vollkommen nutzlos ist. Gehorsam, Disziplin, Selbsterkenntnis, ja sogar Verständnis, die einen Menschen Schritt für Schritt zum Kern seines eigenen Willens führen, besitzen nicht die Macht, den Usurpator Egoismus zu vertreiben. Hier vermögen nur Demut und die Liebe Gottes, echte Anbetung und formlose Kontemplation den Weg freizumachen für die rettende Gnade, die den Egoismus in Individualität verwandelt. Bis an diesen Punkt kann ein Mensch mit Wissen, Anstrengung und Entschlossenheit gelangen. Er mag einem Lehrer gehorchen und sich den Vorschriften einer Schule unterwerfen. Und all diese Dinge kann er auch ohne die theologischen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe tun. Doch nun sind diese Tugenden die einzigen Schlüssel, welche die verschlossene Tür zum Zentrum öffnen können.

Jenen, die einem religiösen Weg folgen, dürfte der Wechsel vom asketischen auf den spirituellen Pfad kaum Schwierigkeiten bereiten. Alle Mystiker, die über den Weg geschrieben haben, stimmen darin überein, dass diese Veränderung noch vor der endgültigen Erleuchtung kommt, welche die wahre Beziehung enthüllt zwischen Mensch und Gott – oder, um unsere Begrifflichkeiten zu verwenden – zwischen der Existenz und der Essenz. Aber jene, die einem Pfad des Wissens folgen oder Methoden, die nicht unmittelbar mit irgendeiner religiösen Tradition verbunden sind, laufen an dieser Stelle große Gefahr, von ihrem Weg abzukommen. Wie schon so oft bemerkt, können wir den Willen nicht kennen, und daher hilft Wissen hier nicht weiter. Auch kann uns unsere Erfahrung nicht dabei leiten, den Schritt von der Existenz zur Essenz zu tun – denn dieser Pfad ist immer unbetreten und für jeden Menschen neu. Das macht es äußerst schwer für jene, die in spirituellen Fragen großes Wissen und viel Erfahrung besitzen. Weder das, was sie wissen, noch das, was sie aufgrund vergangener Erfahrungen gelernt haben, beschützt sie davor, Egoismus mit Individualität zu verwechseln. Sie mögen sogar um diese Gefahr ›wissen‹, aber sie können sie nicht ›erkennen‹, weil sie sich jedem Mann und jeder Frau in einer unerwarteten Maske zeigt. Das demütige und reuige Herz des Psalmisten kann das Opfer des Egoismus erbringen, aber die Reue muss dem wahren Selbst entspringen und die Demut muss jene überbewusste Selbstverleugnung sein, die das Selbst verwirrt.

Hier sollten wir uns an eine sehr wichtige Empfehlung Gurdjieffs erinnern: »Lernen Sie, die unerfreulichen Äußerungen anderer zu ertragen.« Im Alltag ist dies häufig unvermeidlich. Der Untergebene muss die unangenehmen Seiten und Verhaltensweisen seines Vorgesetzten ›hinnehmen‹. In allen Lebenslagen sind die unerfreulichen Äußerungen anderer unvermeidbar, und in den meisten Fällen lassen sich die Menschen diese gefallen, aber sie ›ertragen‹ sie nicht. Wenn wir sie als Spiegel für unseren eigenen Egoismus nutzen, können wir lernen, großen Vorteil aus den unangenehmen Manifestationen anderer Menschen zu ziehen. Jede solche Äußerung, die bewusst akzeptiert wird, ist ein Dolchstich ins Herz unseres eigenen Egoismus. Natürlich ist der Egoismus tausendköpfig und stirbt nicht an einer einmaligen Wunde; aber er ist eindeutig entlarvt und damit geschwächt. Gurdjieff sagte, dies sei eine der besten Interpretationen von »Liebet eure Feinde«. Auch entspricht es dem apostolischen Gebot »Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.«

Der endgültige Sturz des Egoismus wird »Selbstentwerdung« genannt. Praktisch alle, die diese Erfahrung durchgemacht und versucht haben, sie anderen zu schildern, stimmen darin überein, dass in einem bestimmten Moment der Egoismus stirbt und die Individualität geboren wird. Dies ist Tod und Auferstehung in einem objektiven Sinn, denn die Individualität aufersteht im Selbst – das nun zu einer unsterblichen Seele geworden und somit unverletzlich ist gegenüber den Ereignissen der materiellen Welt. Falls der Seelenstoff noch nicht das Stadium erreicht hat, in welchem die ›zweite Kristallisation‹ – das heißt die Bildung des höheren Teils der Seele – eintritt, kann der Tod des Egoismus das Selbst in einem Zustand tiefer Verwirrung und Sorge zurücklassen. Dann mag es so erscheinen, als ob der Übergang vom Egoismus zur Individualität eine lange Zeit benötige, während in Wirklichkeit die Zeit gebraucht wird, um die Seele für ihre Vollendung vorzubereiten.

Wenn alles gut geht und der große Schritt getan ist, ist der Mensch der Auferstehung vollendet. Er hat alle sechs Elemente seiner Vollständigkeit vereinigt und ist gefestigt, ohne Gefahr zu laufen, in seinen früheren Zustand der Trennung von Existenz und Essenz zurückzufallen.[2] Von nun an ist die Individualität fähig, unmittelbaren Einfluss auf die Seele und die funktionalen Kräfte auszuüben und damit die für sie vorgesehene Bestimmung zu erfüllen.

Der vollkommene Mensch ist frei, seinen eigenen Pfad zu wählen und nicht gezwungen, seine Bestimmung zu erfüllen. In der Ausdrucksweise der Sufis ist er »erfüllt, aber noch nicht verwirklicht«. Wenn er seine Freiheit hingibt, mag er für eine besondere ›Mission‹ auserwählt werden. Diese Hingabe wird von der Individualität vollzogen und ist daher unwiderruflich und ermöglicht es der Universalen Individualität, den vollkommenen Menschen als ihr Instrument anzunehmen und ihm die notwendigen Kräfte zu verleihen. Wenn dies geschieht, wird die persönliche Individualität mit der Universalen Individualität vereinigt. Der Mann oder die Frau, die diese Stufe erreichen, hören auf, eine ›Privatperson‹ zu sein: sie gehören der gesamten Menschheit. Dies wird von einer tiefgreifenden Veränderung in der Seele begleitet, deren Spannweite nun über das Bewusstsein (E4) hinaus erweitert wird und auch die Kreativität (E3) umfasst. Einher mit dieser Ausdehnung geht die Befreiung von den Bedingungen von Raum, Zeit, Ewigkeit und Hyparxis,[3] welche das Dasein des existenziellen Menschen beherrschen. Die sichtbare Manifestation dieser kreativen Kräfte zeigt sich im ›Wirken von Wundern‹. Eine wichtigere, doch selten erwähnte Eigenschaft ist jene, der Befreiung von der Einschränkung durch die Zahl. Ein Mensch, dessen Seele auf der Stufe der Kreativität steht, kann sein Abbild auf mehr als eine Person ›projizieren‹, und dies zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten. Diese charismatischen Kräfte kennzeichnen den Heiligen oder Wali. Für gewöhnlich sind deren Kräfte verborgen [4] und sie werden während ihrer Lebenszeit häufig nicht erkannt. Niemand, der die Hagiographien der großen Religionen ernsthaft studiert, kann die Realität der Kräfte und Eigenschaften von Heiligen bezweifeln. Ihre Bedeutung für das menschliche Leben wird nicht gebührend anerkannt, nicht einmal von jenen, die an die Heiligen glauben und an ihre Fähigkeit, ihren Anhängern sogar über den Tod hinaus beistehen zu können.

 

 

© John G. Bennett

Deutsche Übersetzung © Robert Cathomas / Chalice Verlag

 


    

Quelle 

Aus: John G. Bennett: Transformation – Die Kunst, sich zu wandeln.  

 

Bild: Hieronymus Bosch: »Die Kreuztragung«.

 Anmerkungen

 

1 Das ist Gegenstand vieler Studien über den Menschen und sein Wesen. Ein Beispiel, das vielen in Erinnerung sein dürfte, ist das Bild, welches Anatole France in seiner Erzählung Thaïs von Simeon Stylites zeichnet.

2 Der Sufi-Begriff für das Selbst, dass sich vom Egoismus befreit hat, lautet nafs al-mutmainna oder »gefestigter Wille«. Wenn die Individualität in die Seele eingetreten ist und dort ihre Autorität etabliert hat, sprechen die Sufis von nafs al-radiya, dem »vergeistigten Willen«. Dies bezieht sich auf die Vereinigung von Existenz und Essenz und wird auch mit »Erfüllung« übersetzt.

3 Gemäß Bennett gibt es drei raumhafte sowie drei zeithafte Dimensionen: die Ewigkeit, die sequenzielle Zeit und die Hyparxis. In der Ewigkeit liegt das Grundmuster (sämtliche Potenzialitäten) eines Dings, während in der sequenziellen
Zeit sich das Muster seines Verhaltens zeigt. In der Hyparxis geschieht die Interaktion zwischen dem Potenziellen und dem Tatsächlichen [A.d.Ü.].

4 Die Sufis verbieten es den Schülern, die übernatürlichen Kräfte ihrer Lehrer zu verraten.

 

 

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