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Ein Toast auf alle Idioten!
Gurdjieff und die Wissenschaft der Idiotie  

Aus den Tagebüchern von John G. Bennett & Elizabeth Bennett  

 

 

Aus dem Vorwort – Elizabeth Bennett

[…] Die Sitzordnung bei Tisch war genau vorgeschrieben. Gurdjieff saß am äußersten Ende und neben ihm zu seiner Linken der Direktor des Mahls. Der Direktor hatte die Aufgabe sicherzustellen, dass alles ruhig vonstattenging, niemand ohne Essen und Trinken blieb und so weiter. Er hatte sich um Gurdjieff zu kümmern, wechselte dessen Teller, übermittelte seine Anweisungen hinsichtlich verschiedener Details und verkündete, wenn die Zeit reif dafür war, mit deutlicher Stimme die Trinksprüche. Das Ritual der Trinksprüche stammte aus der »Wissenschaft der Idiotie«, wie Gurdjieff sie nannte. In einer Sufi-Gemeinschaft hatte er dies einmal folgendermaßen erklärt:

 

»Eine der aus dem Altertum überlieferten Lehren bestand darin, den Weg der Entwicklung des Menschen von einem Zustand der Natur bis zur Verwirklichung seines spirituellen Potenzials nachzuzeichnen […] Es gibt einundzwanzig Abstufungen der Vernunft von derjenigen des gewöhnlichen Menschen bis hin zu derjenigen Unserer Unendlichkeit, also Gott. Niemand kann die Stufe der Absoluten Vernunft Gottes erreichen, und nur die Söhne Gottes, wie Jesus Christus, können auf der neunzehnten und der zwanzigsten Stufe stehen. Deshalb ist es das Ziel jedes Wesens, das nach Vollkommenheit strebt, die achtzehnte Stufe zu erreichen […]
Das Wort Idiot hat zwei Bedeutungen. Die wahre Bedeutung, die ihm von den alten Weisen gegeben wurde, war: sich selbst sein. Ein Mensch, der sich selbst ist, sieht aus und benimmt sich für diejenigen, die in der Welt der Illusionen leben, wie ein Verrückter. Wenn diese also jemanden einen Idioten nennen, meinen sie damit, dass er ihre Illusionen nicht teilt. Jeder, der sich für die Arbeit an sich selbst entscheidet, ist ein Idiot in beiderlei Sinn. Der Weise weiß, dass er nach der Wirklichkeit sucht; die Verrückten denken, er sei von allen guten Geistern verlassen. Wir hier suchen angeblich nach der Wirklichkeit – also sollten wir Idioten sein. Aber niemand kann aus Ihnen einen Idioten machen. Sie selbst müssen sich dafür entscheiden. Das ist der Grund, warum jedem, der uns hier besuchen kommt, und mit uns in Kontakt bleiben möchte, erlaubt ist, seine eigene Idiotie zu wählen. Dann werden wir alle ihm von Herzen wünschen, dass er dieser Idiot auch wirklich zu werden vermag. Aus diesem Grund machten die alten Weisen Gebrauch von Alkohol: nicht um betrunken zu werden, sondern zur Stärkung ihrer Fähigkeit zu wünschen.«[1]

31. Juli 1949 – John G. Bennett – Coombe Springs, England
[…] Gelange ich ans Ziel? Ohne Zweifel stelle ich fest, dass ich eine Macht über meinen Körper habe, die ich noch vor zwölf Monaten nicht für möglich gehalten hätte. Auch dass ich frei bin von vielen Schwächen im Umgang mit Menschen. Und ich kann mich tun lassen, wofür ich mich entscheide. Aber – ich habe nicht mehr Herrschaft über meine Aufmerksamkeit als vor einem Jahr. Und weniger als vor zwanzig Jahren […]

31. Juli – Elizabeth Bennett – Paris
Beim Mittagessen drehte sich das Gespräch hauptsächlich um S.W., ein nettes, aufgewecktes Mädchen von dreizehn oder vierzehn Jahren mit guten Manieren. Mr. G. reichte ihr eine kleine Schüssel Schlagsahne, die sie sogleich mit ihrem Bruder teilte. Ein paar Minuten später sagte er zu ihr: »Nicht vergessen den Bruder. Partagez – teilt!« Als er hörte, dass sie das bereits getan habe, war er sehr zufrieden und gab ihr eine Mango zur Belohnung […]
Dann wandte er sich wieder der gesamten Tischgesellschaft zu und sprach weiter über Erziehung, Gefahr und Angst: Wenn ein Kind richtig erzogen ist und auf seinem Weg eine Schlange findet, weiß es, was zu tun ist. Es wird die Schlange hier packen (er machte eine Geste mit seiner geschlossenen Faust), so dass sie keinen Schaden anrichten kann. Das Kind ist nur ein Baby »und hat keine Kraft«, die Schlange zu töten, aber es kann sie festhalten und cri [schreien], so dass eine ältere Person kommt. Er führte eine wunderbare Pantomime vor, die zeigte, wie er dem Kind vorsichtig die Schlange abnahm, sie wegbrachte und sie tötete. Andererseits, so fuhr er fort, falls das Kind nicht richtig erzogen ist, wird es, wenn es die Schlange auf seinem Weg antrifft, nicht wissen, was zu tun ist, ängstlich sein und zum Opfer werden.
Es war ein langer Vortrag; einer von denen, die man kaum nacherzählen kann. Seine Gesten und Ausdrücke und die Veränderungen seiner Stimme waren genauso wichtig, wie die Worte selbst. Er spielte alles: das erste Kind, das die Schlange packte, aber nicht über die Kraft verfügte, sie zu töten, die Ankunft der erwachsenen Person, die Angst und den Schrecken des nicht richtig erzogenen Kindes. Die Zuhörerschaft war sehr aufmerksam und absolut still.

7. August – John G. Bennett – Paris
[…] Vor drei Tagen habe ich mir vor meiner eigenen Essenz den Eid geschworen, dass ich für den Rest meines Lebens niemals mehr etwas vor meine Arbeit kommen lassen werde. Das bedeutet, ich muss tun, was das Beste für die Arbeit ist, wo auch immer ich es sehe. Aber selbstverständlich werde ich es oft nicht sehen […]

9. August – John G. Bennett – Paris
[…] Wenn ich für mich kein Tagesprogramm aufstelle und mich daran halte, wird mein Aufenthalt hier halbwegs für die Katze sein. Bis jetzt habe ich nur meinen frühen Morgen strukturiert: Ich stehe um sechs Uhr dreißig auf, um meine inneren Übungen zu machen und die Movements zu praktizieren […]

13. August – John G. Bennett – Paris
Ich habe mein erstes Gespräch mit Mr. G. über meine innere Arbeit geführt. Ich erzählte ihm genug über die Art und Weise des von mir verfolgten Plans, um ihm darzulegen, was ich mir selbst vorgenommen habe. Er sagte, dass die körperlichen Anstrengungen ziemlich überflüssig seien und dass ich alle Aufmerksamkeit auf die innere Arbeit richten solle. Er sagte: »Ich möchte, dass Sie haben wirkliches, unvergängliches Ich. Das muss sein Ihr Ziel. Nun Sie bereiten Material vor. Wenn Sie haben dieses Material, ich will Ihnen helfen, es anzuwenden. Jetzt Sie sind Taxi.[2] Alle fünf Minuten Ihr Ich wechselt.«
Jedenfalls stellte er klar, dass er meinem körperlichen Leiden als einem Mittel der Arbeit keinerlei Wert beimaß, obwohl ich deutlich sagte, dass ich einen direkten und unmissverständlichen Nutzen daraus zöge. Aber es ist natürlich offensichtlich, dass so etwas kein Ziel als solches sein kann. Mein Fehler war zu glauben, dass dadurch das Material bereitgestellt würde, über das er die ganze Zeit mit mir gesprochen hatte. Jetzt hat er die Aufgabe in einer Form gestellt, die ich nicht falsch interpretieren kann […]

14. August – John G. Bennett – Paris
[…] Und dann passierte das Außergewöhnliche. Ich las das Ende [des Kapitels] »Die materielle Frage« vor und dann [das Kapitel] »Mein Vater« [aus Gurdjieffs Buch Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen]. Mitten in »Mein Vater«, das ich möglichst gefühlvoll und in dem Bewusstsein las, dass es Mr. G. gefiel, hörte ich plötzlich ohne irgendeine Vorwarnung eine gänzlich andere Stimme, die ich absolut nicht als meine eigene erkennen konnte. »Ich« war völlig getrennt von »ihm«. Zuerst war ich überrascht über den Klang meiner Stimme. Dann dachte ich: »Wie kann er lesen? ›Er‹ kann es doch unmöglich richtig betonen.« Ich fragte mich, ob die Anwesenden wahrnehmen konnten, dass es nur »er« es war, der las. »Ich« fühlte mich wundervoll frei und so glücklich, dass »ich« nicht an »ihn« gebunden war. Dann sah »er« von seinem Lesen auf und blickte zu Mr. G. und im selben Augenblick war ich wieder zurück in meinem Körper […]
[Am nächsten Morgen] um neun Uhr dreißig ging ich hinunter ins Café und wartete auf Mr. G. Er kam kurz nach zehn Uhr. Ich bekam schnell Gelegenheit, ihm von der letzten Nacht zu erzählen. Er hörte sehr aufmerksam zu und sagte: »Sie zu hart arbeiten. Solche Ergebnisse können sein sehr schädlich. Besser nicht so hart arbeiten.« Ich sagte, ich könne es nicht ertragen, Zeit zu verschwenden. Ich könne es nicht länger aushalten, nur ein Taxi zu sein. Er sagte, es sei sinnlos zu versuchen, zu schnell voranzukommen. Ich müsse mich ein bisschen ausruhen. Wenn er nicht dagewesen wäre, sagte er, hätte es geschehen können, dass ich nicht mehr hätte zurückkommen können, und »dann Sie gehen direkt ins Irrenhaus.« In demselben Sinn sagte er noch mehr dazu.
Innerlich lehnte ich mich dagegen auf und wollte eher die doppelte Anstrengung unternehmen, um öfters und noch länger ›hinaus‹zukommen. Es konnte nicht länger als eine halbe Minute gedauert haben, wenn man die Länge des Abschnittes, den ich vorgelesen hatte, in Betracht zog […]

20. August – Elizabeth Bennett – Paris
[…] Als wir heute Abend bei den hoffnungslosen Idioten [3] angelangt waren, war Mr. G. sehr ernst. Er sprach über »dieses kleine Ziel«, nicht »wie ein Hund zugrunde zu gehen«, und dass jeder es haben müsse. Jeder sollte den Wunsch haben, »nicht Taxi zu sein«, sondern vielmehr dessen wahrer Besitzer, nicht nur eine Abfolge von Fahrgästen. Er gab uns allen die Aufgabe, unterscheiden zu lernen zwischen fühlen und spüren. Wenn er sehe, dass wir diese Aufgabe erledigen und uns ihr häufig stellen, werde er in der Lage sein, uns eine weitere, persönliche Aufgabe zu geben […]

21. August – John G. Bennett – Paris
[…] Beim Abendessen sprach Mr. G. mit mir unmissverständlich über Reue und die Notwendigkeit, Reue in Arbeit zu verwandeln. Er sprach auch über die Größe unseres Ziels und wie er darauf warte, jedem von uns helfen zu können, der den Boden so vorbereitet, dass er die Saat darin pflanzen könne […]

27. August – John G. Bennett – Paris

Heute nach dem Mittagessen schlief ich dreieinhalb Stunden und verpasste die Movements-Übungen mit Alfred, was ich sehr bedaure. Aber ich fühlte mich erfrischt und konnte während und nach der Mahlzeit meine Aufgabe wesentlich besser erledigen. Das Abendessen war außergewöhnlich. Ich spürte die ganze Zeit hindurch die Kraft von Gurdjieffs Präsenz. Er saß bis zwei Uhr am Tisch, und wir verließen das Appartement erst um drei Uhr. Er war nicht besonders müde und lud einige Leute in sein kleines Zimmer ein.
Nachdem er ihnen Schokolade gegeben und mit ihnen gesprochen hatte, blieb ich noch, bis sie gegangen waren, und verabschiedete mich dann von ihm. »Sie weiter machen die Aufgabe, die ich geben Ihnen, und ich verspreche, Sie werden keine Fahrgäste haben, sondern wirkliches Ich in Ihrem Automobil.« Ich sagte, ich wisse um diese dumme Art von Mitleid in mir, die mich dazu bringt, anderen Menschen helfen zu wollen, ohne zu wissen wie. Er sagte: »Ja, aber Sie nicht mehr tun in Zukunft.«
Danach ging ich mit Colonel Flower und dem jungen Thomas Adie ins Café auf den Champs-Élysées. Ich war mit Flower am Morgen im Musée de l’Homme gewesen und hatte mit ihm über die Veränderung der menschlichen Natur in der mittleren Aurignacien-Periode gesprochen.
Ich dachte viel über meine gegenwärtige Lage nach. Hatte ich meiner Vorstellungskraft erlaubt, mit mir durchzubrennen? Es ist typisch für mich, das erste Hindernis so zu nehmen, als wäre es bereits der Zielpfosten.
Ach, wenn ich doch nur die letzten zwanzig Stunden aufzeichnen könnte! Ich habe so sehr gelitten, und hörte und lernte so viel. Aber ich kann mich nicht an alles erinnern. Als Teil meiner Aufgabe hatte ich ein Gespräch mit Mr. G., in dem ich über alles sprach außer über mich selbst und die brennenden Fragen, auf die ich eine Antwort brauche. Ich verbrachte ungefähr eine Stunde mit ihm vor dem Mittagessen. Während des Essens sprach er über die hoffnungslosen Idioten und sagte, wenn wir uns selbst das Ziel des ehrenvollen Sterbens setzten, könne er uns zeigen, wie man unsterblich werde, und (hierbei sah er mich direkt an): »Unsterblich – das ist große Sache. Und das ist nicht alles, weil Sie werden können eines jener Wesen, die sogar sind bedeutungsvoll für unseren Gott« […]

27. August – Elizabeth Bennett – Paris
Heute lehnte sich Mr. B. [Bennett] vom Olymp herab, schimpfte mich wegen mehrerer Fehler aus, die wir beide gemein haben, und zog sich wieder zurück. Wenn er mir diese Rüffel erteilen würde, ohne dabei so herablassend zu sein, würde ich nicht so zornig, aber wenn er anderen Leuten gegenüber an meinem Verhalten herumnörgelt, so als besitze er selbst den Schlüssel zum ganzen Werk, bin ich einfach nur verärgert, obwohl ich genau weiß, dass er wieder darüber enttäuscht sein wird, wie er andere Menschen behandelt. Aber sei’s drum…
Während der letzten beiden Tage hat Mr. G. bei allen Mahlzeiten über die hoffnungslosen Idioten gesprochen. Wie dies eine gute Formulierung sei, die jeder verstehen könne; wie es das Minimalziel sei, das wir uns selbst stellen könnten, und, am Freitagmittag, über die Analogie der zwei Ströme des Lebensflusses. Ich kann die wunderbaren Dinge, die er sagte, nicht wiedergeben.
Colonel Flower kam am Freitag an und war bei seinen ersten beiden Mahlzeiten der Égout. [4] Es scheint sich gut einzufügen und gehört nach nur zwei Tagen bereits dazu.
Beim heutigen Mittagessen sprach Mr. G. über das Leben in einem Tropfen Wasser und darüber, wie Gott nicht jeden persönlich kennen kann und wie nutzlos die Art von Gebeten sind wie: »Bitte Gott, mach, dass Ehemann mir … gibt.« Darauf folgte eine herrliche Pantomime, wie er einen Pelzmantel anzieht. Die Lebewesen in dem Tropfen Wasser, sagte er, sind wie wir: Sie arbeiten, essen, schlafen und haben sogar einen Gott, zu dem sie beten.
Als die Mahlzeit beendet war, fragte er mich, beim Verlassen des Zimmers, ob ich irgendetwas von dem verstanden habe, was er zu Mr. B. gesagt hatte. Tatsächlich habe ich das sehr wohl verstanden, dachte aber, dass ich nicht damit einverstanden bin! Und weiter sagte Mr. G., ich müsse seine Ideen noch zwei weitere Jahre studieren – dann würde ich verstehen.
Heute Abend sprach er über Essen und Nahrung, und wie die gemeinsame Mahlzeit mit anderen Menschen ein wichtiger Teil des Lebens sei. Wie es etwas sei – ich habe das genaue Wort vergessen, nicht »Zeremonie«, nicht »Ritual« –, das Christus vollzogen habe und das er, Mr. G., nun hier vollziehe, und dass später jemand anderes an seiner Stelle sitzen und es weitergehen werde. Aber, und dabei drehte er sich zu Mr. B., Judas habe die ganz besondere Rolle in all dem. »Wegen Judas ist Ihr Christus seit zweitausend Jahren Gott.« Manchmal sei es besser, zu Judas zu beten anstatt zu Gott. Wenn er betrunken sei, bete er zu Judas. »Aber ich immer betrunken«, und so bete er immer zu Judas.

31. August – John G. Bennett – Paris
Beim Abendessen, aus heiterem Himmel, wie es immer geschieht, wenn Mr. G. beabsichtigt, etwas zu sagen, worüber er vorher lange nachgedacht hat, begann er mit mir über Unsterblichkeit zu sprechen. »Es zwei Arten von Unsterblichkeit gibt. Sie jetzt bereits den Kesdjan-Körper haben;[5] der ist unsterblich, aber nicht wirklich unsterblich. Wirkliche Unsterblichkeit nur kommt mit höherem Körper. Sie haben Körper für Seele, aber Sie müssen haben Körper für Ich.«
Dann sprach er über den Unterschied zwischen Paradies und Soleil Absolu [Sonne Absolut]. Mit dem Kesdjan-Körper könne man ins Paradies eintreten. Aber das Paradies sei nur gut für zwei, drei Tage. »Sie sich vorstellen, was würde sein, wenn nächstes Jahr, das Jahr danach, hundert Jahre… Sie sich vorstellen, wie Sie wären gelangweilt (er gebrauchte nicht dieses Wort, aber etwas Ähnliches), bei solch einer Sache. Sie müssen gehen wollen zu Soleil Absolu.«
Ich verstand vollkommen, was er damit meinte. Es korrespondierte genau mit all dem, worüber ich während des Tages nachgedacht hatte. Ich erinnerte mich des Ausspruchs: »Wenn er sich kristallisiert hat, kann er haben, was immer er will.« Ich weiß, dass ich alles haben kann, was ich will; aber ich würde es nicht nehmen.
Ganz unverkennbar hatte sich mein Ziel verändert, noch bevor er sprach. Bis jetzt wünschte ich und strebte danach, die Meisterschaft über meinen physischen Organismus, inklusive meiner Gedanken und Gefühle, zu erlangen. Ich wollte die Gewissheit erreichen, dass ich frei von meinem irdischen Körper bin. Den ganzen Tag über habe ich heute in dieser Gewissheit gelebt. Und gleichzeitig wurde ich mehr und mehr besessen von dem Bedürfnis, mich selbst zum Fahrzeug für den Willen Gottes zu machen oder fähig zu sein, Seine Essenz zu empfangen und Teil davon zu sein.
Jetzt muss ich schlafen. Ich bin sehr müde. Ich habe einen langen Brief an Madame Ouspensky geschrieben.

10. September – Elizabeth Bennett – Paris
[…] Heute Abend war ich Direktor. Aus irgendeinem Grund war ich sehr nervös und fühlte mich recht unglücklich damit bis zu meinem zweiten Glas Wodka. Ich machte meine Sache ziemlich schlecht und war am Ende sehr unzufrieden. Ich weiß nicht, was schiefgelaufen ist; äußerlich machte ich alles richtig: Ich verursachte kein Durcheinander mit den Tellern, vergaß keinen der Trinksprüche und vernachlässigte auch Mr. G. in keiner Weise. Trotzdem war ich mit allem unzufrieden.
Er sprach über die hoffnungslosen Idioten – dies war der Höhepunkt des Abends. Er sagte, das Problem sei, dass kaum jemand sich irgendein Ziel gesetzt habe. Ein paar Leute hätten das Ziel, Unserer Unendlichkeit zu helfen, aber dies sei ein sehr großes Ziel und nicht für jeden geeignet. Aber jeder könne zu solch einem Ziel kommen, wenn man mit dem Ziel beginne, »nur nicht zu sterben wie Hund, sondern sterben ehrenhaft.«
Jeder könne das verstehen, sagte er. Wenn jede Person sich für einen Monat dieses Ziel setzen würde – oder eigentlich sogar irgendein Ziel –, würden alle feststellen, dass sich ihr ganzes Leben verändern wird. »Und Wahrheit ist«, sagte er, während er mir mit einem Lächeln größtmöglicher Freundlichkeit und des Verstehens in die Augen sah, »Wahrheit ist: Dieses Leben manchmal kann sein gut, objektiv.«
Oftmals beendet er ein ernsthaftes Gespräch mit einem Witz; so auch heute. Sehr wenige Menschen in Europa hätten ein Ziel, sagte er. Die Franzosen, ja, und die Engländer. »Engländer haben Ziel, immer essen: Schinken und Eier. Franzosen haben Ziel essen: soupe à l’onion avec onion [Zwiebelsuppe mit Zwiebeln].« Und so endete alles in Gelächter.

14. September – Elizabeth Bennett – Paris
[…] Beim Mittagessen gab es eine wunderbare Unterhaltung über Eltern und Kinder, über Platz für Gott zu schaffen und anderes. Ich kann es nicht aufschreiben, obwohl ich mich gut an alles erinnere; es war aber nicht diese Art von Unterhaltung, die sich notieren lässt. Mr. G. sprach auch wieder von diesem »kleinen Ziel«, nicht wie ein Hund zugrunde zu gehen. Und dass »sogar jetzt ist nicht zu spät – sogar heute«, auch für einen alten Menschen. Nur dass alte Menschen weniger Zeit haben als die jüngeren. Selbstverständlich ist es für die älteren »mehr dur [hart]«, sie müssen härter arbeiten. 

 

 

© The Estate of J.G. Bennett and Elizabeth Bennett 2015  

Deutsche Übersetzung © Helga Jacobsen und Robert Cathomas / Chalice Verlag

 


    

G.I. Gurdjieff 

Georg Iwanowitsch Gurdjieff (1866–1949) war der vielleicht einflussreichste und – was seine Herkunft, seine Methoden und seine Mission betrifft – der wohl mysteriöseste spirituelle Lehrer des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Wirkung seiner singulären Lehre auf moderne spirituelle Bewegungen wie auch auf bestimmte Bereiche der Psychologie war einschneidend und nachhaltig. Auch seine Kritiker gestehen dieser höchst charismatischen Figur ein eindrückliches Wissen über die menschliche Psyche zu, dessen Quellen teilweise im Dunkeln liegen, aber deutliche Verwandtschaft zu nahöstlichen Lehren wie etwa dem Sufismus oder der Gnostik aufweisen. Mit schockierender Offenheit zeigte er, dass das Selbstbild des modernen Menschen als ein freies, willensstarkes, vernunftgesteuertes und psychisch intaktes Wesen eine Illusion ist. Gurdjieffs Lehren des Vierten Weges, er selbst nannte sie »esoterisches Christentum«, sollten den Schüler durch intensive »Arbeit an sich selbst« in die Lage versetzen, diese Ganzheit auch wirklich zu erlangen. Zu seinen Schülern und wichtigsten Exponenten zählten P.D. Ouspensky und John G. Bennett.  

Quelle 

John G. & Elizabeth Bennett: Monsieur Gurdjieff und seine Idioten – Paris 1949. Aus den Tagebüchern und Memoiren
zweier Reisender in die Wirklichkeit.

Anmerkungen

 

1 Zitiert aus: John G. Bennett: Gurdjieff – Making a New World, Wellingborough, England, 1973 [A.d.Ü.].

 

2 Gurdjieffs Ausdruck für einen Menschen, der kein beständiges Ich besitzt, sondern viele verschiedene, die laufend wechseln wie Fahrgäste in einem Taxi [A.d.Ü.].

 

3 Gemäß Gurdjieff die vierte Stufe der Vernunft. In seinem Buch Der verwirklichte Idiot schreibt Bruno Martin über diese Stufe: »Wenn ein Mensch seine Selbsttäuschung und sein aufgeblähtes Ego erkannt hat und seine Idiotie nicht mehr vortäuscht, kann er auf der Leiter der Vernunft weitersteigen. ›Bewusste Arbeit und absichtliches Leiden‹ sind nun erforderlich. Doch das ist eine hohe Hürde« [A.d.Ü.].

 

4 Französisch für »Gully« oder »Kanalisation«; eine der bei jedem Essen mit Gurdjieff von einem seiner Gäste einzunehmende Rolle [A.d.Ü.].

 

5 Außer dem physischen Körper, dem Träger der menschlichen Funktionen, kann es durch Arbeit an sich selbst und Transformation zu einer Materialisierung kommen, die Gurdjieff den »zweiten« oder »Kesdjan-Körper« nennt. Er verleiht Kräfte, die über die physische Welt hinausreichen, ist selbst aber noch nicht das Endziel der Vervollkommnung des Menschen [A.d.Ü.].

 

 

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