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Der Bär kommt heim
Roman

Ein liebenswürdiger Bär, der Shakespeare und Ibn Arabi liest, mit seinem Freund Jones bei Bier und Whiskey über die hintergründige Tragikomödie des Lebens philosophiert und obendrein Saxofon spielt wie ein junger Gott – solche vielfarbigen Fäden verwebt Rafi Zabor hier zu höchst unterhaltsamer, humorvoller, großartiger Literatur. Nicht nur die Leser sind von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, die Kritiker waren ebenfalls begeistert von diesem Roman, der auch prompt mit dem renommierten US-amerikanischen PEN/Faulkner-Award für Belletristik ausgezeichnet wurde.


Auf seinem herzergreifend menschlichen Selbstfindungsabenteuer schlägt sich unser tierischer New Yorker Held mit seiner glühenden Leidenschaft für wahrhaft guten Jazz durch dorniges Dickicht seinen Einstieg ins Musikerleben. Er bewährt sich auf der Flucht vor der Polizei und hinter Gefängnismauern, tourt mit ziemlich abgedrehten Bandmitgliedern durch die amerikanische Provinz, spielt sich in verrauchten Jazzclubs die Seele aus dem Leib und gerät in die Fänge einer brennenden Liebe zur schönen Biologin Iris, bevor er nach vielen Irrungen und Wirrungen schließlich sein wirkliches Zuhause findet.


Den Klängen dieses Lebens in mitreißenden Rhythmen, bezaubernden Akkordfolgen und überraschenden Tempowechseln folgend, wächst uns in diesem Buch ein großer Liebender und Menschenfreund mit seinen tiefen geistigen Einsichten und seiner unerschrockenen Daseinsfreude mit jeder Zeile näher an unser Bärenherz. Phantasievoll, spannend, intelligent, witzig, cool und sehr erotisch – kurzum ein wirklich jazziger Roman auf hohem sprachlichen Niveau in der exzellenten deutschen Übersetzung von Karsten Singelmann.


Stimmen zum Buch


»In diesem meisterhaften Roman hat Rafi Zabor die Wirklichkeit auf eine Art neu erfunden, dass man einfach an sie glauben muss. Dies ist opulenteste Literatur, voller Überraschungen, Humor und echter Originalität.« – Don DeLillo


»Ein literarisches Juwel von funkelndem Witz und bärenmäßiger Weisheit!« – The New Yorker


»Ein Buch, das mitten ins Herz der Dinge trifft, berührend wie ein großes Jazzsolo, das in unserer Erinnerung nachklingt.«
Washington Post


»Ein großartiges Buch, wahrscheinlich das beste, das ich jemals darüber gelesen habe, was es bedeutet, ein Musiker zu sein. Die spirituelle Odyssee von Rafi Zabors zutiefst menschlichem Bären ist eine erfrischende Lektüre.« – Andy Summers (Gitarrist von The Police)


»Was wirklich beeindruckt, ist die große Menschlichkeit dieses Buches. Ein außergewöhnliches Vergnügen, oft schmerzhaft komisch, voller tiefer Einsichten in die Bedingungen des Mensch- und des Bärseins.« – Jazzwise


»Ein großartiger, pelzhaariger Roman mit einem herrlichen, pelzhaarigen Geschöpf, das wunderbare, große, pelzhaarige Fragen stellt.« – Literary Review


»Ein vergnügter, phantasievoller Bärenblick auf die Liebe, die Musik,
die Entfremdung und das Menschsein.« – Publishers Weekly



ISBN 978-3-942914-22-2. Broschur. 528 Seiten. Euro 29,00.

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Leseproben 

 

Sie fuhren an der 14th Street vorbei, wo lauter Drogenwracks an den Schaufenstern entlangwankten wie in Mäntel gehüllte Geister. In der richtigen Welt zu leben, bedeutet, Teil von dem da draußen zu werden.
Andererseits, dachte er, wer das Richtige tun will, der muss tapfer sein, sein persönliches Körnchen Wahrheit nehmen und sich damit in die Arena stellen, egal, was kommt. Gott steh mir bei, dachte er, ich bin wahr und echt, ich bin ein Trottel. Er wandte sich zu Jones. »Gastspiele?«, sagte er. »Eine Tournee? Ich bin bereit, wenn du es bist.«


»Du warst ein lieber, romantischer Bär«, sagte Iris.
»Ich bin immer noch ein lieber, romantischer Bär«, knurrte der Bär zurück. »Ich bin der liebste, romantischste Bär auf der ganzen Welt, aber das Leben war viel leichter, als das, was ich getan hab, noch nichts mit dem zu tun hatte, wer ich bin.«

 

Als er dann doch Lust bekam, ein bisschen auf dem Saxofon zu dudeln, ging es ihm vornehmlich darum, die Architektur bestimmter Akkord­wechsel zu erforschen – sozusagen die Kapitäle und Kranzgewinde der Struktur zu begutachten –, und auch das überraschte ihn. Obwohl er sich in den Fluren der modernen Harmonie ganz gut auskannte, war der Bär immer ein im Grunde melodisch orientierter Musiker gewesen, der sein harmonisches Material gern so einfach hielt, dass er es sich bei Bedarf aus dem Weg schaffen konnte: Er schätzte die Aussicht auf ein freies Feld. Er hatte sich stets irgendwo in der Mitte zwischen Jackie McLean und Or­nette Coleman gesehen: sein knallharter Ton näher bei Jackie – obwohl er in seiner Intonation niemals Jackies Markenzeichen der bittersüßen, um eine Winzigkeit erniedrigten Noten übernommen hatte –, sein Sinn für Hingabe und freie Wahl eher bei Ornette. Manchmal ergriff ihn aber auch eine Wut auf alles, was nicht das Absolute war, und seine Musik schrie dann ihr Sehnen mit einer Hingabe heraus, die der von Coltrane ähneln musste, die aber, wie er schließlich begriff, das Einzige darstellte, was wirklich sein eigen war; und der Bär folgte dieser Hingabe oder Raserei in langen Phrasen durch die Aufschwünge und Windungen ihrer inneren Ge­setze: Jede Note, die er spielte, setzte einen neuen Pflasterstein auf einen Weg, der immer neuen Theophanien zustrebte, dem Formen entstiegen wie gebetsvolle Annäherungen, welche das Absolute gnädig, wenn auch vorübergehend, zu bewohnen sich bereitfand, und dann hinwegstürzten als brennende Schalen vor aufeinanderfolgenden Offenbarungen und, abschließend, epistemologischem Feuer.
Alles dies schien ihm im Moment doch weit entfernt. Er war nicht in
der Verfassung, die Welt oder ihre Säulen zu erschüttern oder auch nur die profanste ihrer Streichholzschachteln zu entzünden, geschweige denn irgendeine absolut elementare Flamme jenseits von Tod und Leben ephemerer Formen auszumachen. Und so klaubte er sich jetzt durch alte Ak­kordfolgen, wie durch einen Haufen Knochen, den er nach essbaren Fleisch­­­resten absuchte. “Stablemates”. “Lotus Blossom”. “Blood Count”. Gab es eigentlich irgendetwas, das Billy Strayhorn noch nicht gesagt hatte? “All the Things You Ain’t”. “Reincarnation of a Lovebird” sparte er sich für später auf. Und fast kam es ihm so vor, im Halbdämmer seiner Be­trachtung, als würde der reguläre Durchlauf des harmonischen Zyklus jedes beliebigen Liedes – den er immer für einen ermüdenden Holzweg gehalten hatte, wo doch die freie gerade Strecke nur darauf wartete, beschritten zu werden – die Chance des Geistes darstellen, sich an weltliche Ge­gebenheiten anzupassen und von ihnen zu lernen. Eine demütigende Angelegenheit, sicherlich, aber vielleicht notwendig, wenn die Aufgabe, hier unten zu leben, zur Gänze erfüllt werden sollte. Jedenfalls würde man ihm jetzt kaum noch nachsagen können, er habe diese Welt und ihre Gegeben­heiten gemieden.
Dies hier war ein Gefängnis, befand er, das er während des langen Zögerns vor seinem Eintritt ins öffentliche Musikleben Stein für Stein selbst gebaut hatte – oh ja, und auch schon davor –, kurz gesagt, durch ein paar hundert Fehler der Wahrnehmung, der Beurteilung und des Geschmacks; die ewigen Bedenken, das ewige Verzagen – dies ist ein Gefängnis eigener Konstruktion, immer neu errichtet in den verborgenen Werkstätten einer Angst. Hab ich wirklich unter all den verfügbaren Bildern dieses ausgewählt? Was wäre die Alternative? Soll ich eine rote Gumminase und einen komischen Hut aufsetzen? Der Bär warf einen überdrüssigen Blick auf die Wände und Ecken seiner Zelle.
Was er immer am wenigsten an sich selbst gemocht hatte, das war die Angst im Rücken seines Daseins. Kein Zweifel, dass sie es war, und nur sie allein, die ihn in die Materialität des Knastes hinein fehlgeleitet hatte. Wo aber war der Tropfen Salböl, der ihn erretten könnte?
Es war ungefähr an diesem Punkt seines Wegs nach unten, dass der Bär seinem Eindruck nach einen guten, mönchischen, via-negativa-Gebrauch von der Zelle, in die die Umstände ihn gebannt hatten, zu machen begann und dieses Abbruchunternehmen von einem Winter in etwas wenigstens po­tenziell Erneuerndes verwandelte. Aber nur zu denken, dass ihm etwas gelänge, dass er irgendetwas zustande brächte, hieße, diesen Prozess abzuwürgen, sofern von einem Prozess überhaupt die Rede sein konnte. Auf Fortschritt auch nur zu hoffen, das ließ vor seinem Auge die monströse, ich­versessene Gestalt seiner selbst sich erheben, die zu fliehen oder regelrecht zu morden jetzt nötiger denn je erschien, wenn er richtige Freiheit finden wollte.
Der Bär hatte nie etwas für Winterschlaf übrig gehabt, hatte ihn als überkommenen alten Hut – Prä-Bop gewissermaßen – abgetan, aber im Mo­ment war es etwas ganz Ähnliches, nur sehr viel Innerlicheres und Ge­fährlicheres, das ihm den einzig verfügbaren kleinen Zufluchtsort in Aussicht stellte, und da die Wahlmöglichkeiten begrenzt waren, begab er sich weiter hinein, oder hinunter, wie auch immer.


Der Bär richtete sich auf der Bettkante auf und kratzte sich am Sack. »Der Fisch da, ich weiß ja nicht, Tim, ich würde lieber mit einem Apfel anfangen. Haste welche mitgebracht?«
»Scheißt der Papst in den Wald?«
Die Augen beim Gähnen fest zusammengekniffen, vernahm der Bär ein Rascheln von Plastiktüten. Dann flog ihm frischer, knackiger Obstgeruch entgegen. Oh Mann.
»Braeburn«, sagte Tim, »und nicht übel. Hab selbst schon ein paar gegessen.« Tim fing damit an, kleine Äpfel, einen nach dem anderen, durch die Gitterstäbe zu stecken. Sie landeten, plopp plopp plopp auf den Decken, die am Fußende des Betts lagen. »Hau rein.«
»Ich überschlag mich gleich.«
»Welchär Wochäntag?« Friedmann setzte sich auf, fuhr durch die
ver­einzelten weißen Drahthaare und tastete auf dem Tisch nach seiner Brille.
»Der gleiche wie immer«, sagte der Bär. Er nahm einen Apfel, drehte ihn in den Pfoten, bewunderte die Röte, auf der Seite, wo der Baum nach Sü­den gezeigt haben musste, dachte an die Winde, die den Apfel gekühlt haben mussten, wiegte ihn und stopfte ihn dann in einem Stück in den Mund. Der Saft lief, er zerkaute den Apfel und schluckte ihn hinunter. »Oh Mann, die sind gut.« Er streckte zwei weitere in den Mund und kaute, wobei er Saft und Schaum aus den Mundwinkeln tropfen ließ. Überfluss. Süßigkeit. Welt ohne Ende.
»Du isst sie mit Gehäuse und allem?« Tim wiegte anerkennend seinen großen Kopf.
»Mach alle Erfahrungen im Leben, die du machen kannst, ist mein Motto«, teilte der Bär ihm mit. »Was sollte ich sonst in diesem gottverlassenen Knast tun? Den großen Kreis abschreiten. Das untere Reich pflügen. Selber zerpflügt werden. Immer schön Bitte und Danke sagen. Hast du noch mehr Äpfel in der Tasche da?«
»Was ist mit dem Fisch?«
»Riecht ein bisschen komisch. Nicht ganz schlecht, nur komisch, aber die Äpfel – ich fühle geradezu, wie die Vitamine mich durchströmen. Ist dir schon mal aufgefallen, Tim, wie schön Obst ist, das an der frischen Luft in den Zweigen hängt, wo man es sich nur zu nehmen braucht?«
»Menschen arbeiten, um es anzubauen, und für gewöhnlich kauf ich es im Geschäft, wo die Leute auch arbeiten müssen, aber ja klar, ich weiß, was du meinst.«
»Gönnen wir uns also den Rest. Mich dürstet plötzlich nach Obst. Mor­gen, Doc«, sagte der Bär zu Friedmann, während Tim die restlichen Äpfel durch die Gitterstäbe bugsierte. »Wenn Äpfel über den Regenbogen ge­hen«, fragte der Bär den Doktor, »warum kann ich es dann nicht? Kön­nen Sie mir das sagen? Art Pepper war der Einzige, der je etwas aus diesen Ak­kordwechseln gemacht hat.«
»Sie sprechen in Rätseln«, sagte Friedmann.
»Das ist so meine Art.« Er nahm noch einen Apfel und machte ihn rasch zu Brei, dann ließ er ihn die Speiseröhre hinunterflutschen. »He, ihr beiden.«
»Was«, sagten sie mehr oder weniger unisono. An diesem Ensemblescheiß müssen wir wohl noch arbeiten, um es richtig hinzukriegen.
»Wie wär’s, wenn ihr heute eure vier Eier zusammenwerft und den Schlüssel umdreht? Von da an übernehme ich, mit der Artillerie hinten im Flur werde ich allein fertig, oder die halt mit mir. Habt ihr den Wechsel der Jahreszeiten nicht bemerkt? Ich weiß, ich führ mich ein bisschen manisch auf, aber mein Blut ist in Wallung, die Säfte fließen. Wie fändet ihr das?«
»He, Mann«, sagte Tim, »das hatten wir doch schon.«
»He, mitfühlende Seele«, erwiderte der Bär, »worauf wartest du, auf den Engel Moroni, auf dass er herabsteige und mit dir persönlich rede?«
Tim griff in seine Uniformjacke und zog eine Taschenuhr hervor, die an einer Kette hing.
»Ich warte darauf, dass diese silberne Uhr sich in eine goldene verwandelt. Ich habe eine Frau zu Hause, die wahrscheinlich noch eine zweite Nierenoperation braucht, und zwei Töchter, die aufs College gehen wollen.«
»Gib den Fisch her, du nutzloser Motherfucker.«
Tim sah sich flehentlich nach Friedmann um. »Können Sie’s ihm bitte noch mal erklären? Wir können dich hier nicht rauslassen, selbst wenn wir deine einzigen Freunde sind.«
»Was ihr aber nicht seid«, sagte der Bär, um das richtigzustellen.
»Da ist noch ein Apfel, den Sie nicht gegessän haben.« Friedmann hielt seinen Blick auf ein Stück braune Armeedecke gerichtet. »Wenn Sie nichts dagegen haben, nur um mir den schlechten Geschmack im Mund zu vertreiben.«
»Selbstverständlich«, sagte der Bär und reichte ihm den Apfel.
»Überdecken Sie unbedingt den unangenehmen Geruch innerer Fäule, Willensschwäche, verdächtiger Gesinnung. Tim, der Fisch. Hatte ich dich nicht gebeten, mir einen ganzen zu besorgen?«
Tim hielt das lange weiße Dorschfilet hoch. »Das ist alles, was ich kriegen konnte, okay?«
»Die Geschichte deines Lebens. Gib her.«
Tim reichte es geschmeidig durch die Gitterstäbe, wobei er eine Grimasse schnitt. »Was ist heute in dich gefahren?«, fragte er.
»Ich bin heute in mich gefahren. Und nun wird dieses feine, wenn auch etwas fragwürdig riechende Stück Filet in mich fahren. Achtet auf das Ergebnis.« Er biss geräuschvoll vom dicken Ende des Filets ab, das seiner Schätzung nach insgesamt fünf bis sechs Pfund wog, zwar nicht verdorben war, aber doch auch nicht so frisch, wie er es gern gehabt hätte. Herrgott, dachte er und setzte zum nächsten großen Bissen an, vor ein paar Tagen noch war es ein nicht mehr als normal unschuldiges, die Tiefen durchstreifendes Geschöpf gewesen. Er schluckte den Bissen hinunter. Du hast auch andere gegessen. Wie es eben zugeht hier unten.
»Wie war er?«, fragte Tim. »Gut?«
»Pass auf.« Der Bär erhob sich. Er stieß seine Schnauze durch die Gitterstäbe, fixierte Tim mit einem Blick zwischen die Augen, krampfte seinen Magen zusammen und begann, sich zu übergeben.


Iris wandte ihm ein strahlend verlegenes Lächeln zu, ganz rot geworden, armes Kind, und lud ihn ein, sich zu setzen. Die Schürze war abgelegt, und sie trug ein einfaches schwarzes Kleid, dessen Halsausschnitt so beschaffen war, dass ihre liebreizenden Schlüsselbeine gerade eben freilagen. Ihr Anblick war eine Wohltat für seine Augen. Wenn man diesen Augen trauen konnte, dann trug sie keinen BH unter dem Kleid.
Nichtsdestotrotz wandte er seine Aufmerksamkeit wieder ihrem Gesicht zu. Es schien ihm, als würde das Interesse, mit dem er sie betrachtete, immer noch wachsen, mit jedem Jahr, jedem Jahrzehnt, ach, sehen wir der Sache doch ins Auge: auf immer und ewig! So bin ich also. Das hier ist von allem, was ich auf der Welt kenne, das Beste. Ist es aber auch wirklich alles, was ich kennen muss?
Sie befand sich, soviel begriff der Bär, nicht in der ersten Blüte ihrer Schönheit. Die gerundeten Wangenknochen hatten sich zuletzt ein wenig vorgeschoben, die Augen hatten sich leicht geweitet und schienen über ihre eigene Helligkeit zu staunen, die Stirn hatte Charakter und manche Falte erworben – aber lieber Gott, für jeden, der ein Auge für die Intensität der vergehenden Zeit hat, ist sie ausdrucksvoller denn je, und ihre Musik kann umso tiefer empfunden werden.
»Alles soweit bereit«, sagte sie.
»Du machst alles so gut.«
»Wir werden sehen.«
»Das werden wir wohl.« Der Bär setzte sich.
Der Bär war immer davon ausgegangen, dass die Besitzer von Schönheit die Bedeutung des Schatzes verstünden, dessen unwahrscheinlichen Reichtum sie verkörperten und über den sie wachten. Seit er sich in die menschliche Gestalt verliebt hatte, war seine Erwartung immer die gewesen, dass schöne Frauen keine dummen Schnepfen seien, wie es die Le­gende wollte, sondern dass sie im Gegenteil über größere Weisheit verfügten als alle anderen. Er wusste wohl, dass dies Ausfluss seines persönlichen Mangels an Erfahrung und daher reine Romantik war, doch in Iris’ Fall war er sich sicher, dass es gleichwohl zutraf: Ihr Aussehen war Aus­druck der anders nicht ausdrückbaren Feinheit ihrer innersten Seele, das reinste Zeichen dafür, wer sie war und was sie, in der großen und geordneten Fülle der Welt, am Ende repräsentieren mochte. Ihr leicht alterndes Äußeres war nur ein Fenster auf dauerhaftere glückliche Gaben und Aus­blicke.
Ich hab mich kein bisschen verändert, dachte der Bär. Gefängnis, spirituelle Vernichtung, beinahe Tod: Scheiß drauf, ich werde es aushalten, und mein Leierkastenherz quält sich dieselben alten Melodien ab. Wieso eigentlich? Und was ist, wenn ich die Musik über kriege? Kannst du mir was Besseres zeigen? Trotzdem: Warum kam ihm die Identitätsscharade, auch wenn sie durch neues Verlangen wieder frisch angeregt worden war, heute Abend so ermüdend vor? Vielleicht glaubte er ja gar nicht mehr an dieses selbe alte Lied, das er sich da abpresste. Oder vielleicht war es weniger das Lied als das Instrument, dem er nicht mehr traute.
»Du siehst bezaubernd aus«, sagte er und hielt sich damit dennoch an die Spielregeln.
»Der Schein trügt«, sagte sie. »Essen wir.« Ein Ablenkmanöver.
»Soll ich den Wein einschenken?«
»Ja bitte.«
Es war ein St. Emilion, ein weicher Merlot als Gegengewicht gegen jegliche Schärfe, die im Fisch enthalten sein könnte. Gute Wahl. Obwohl...
... Obwohl die spürbarste Anwesenheit am Tisch – wie Christus in Emmaus, nur greller – immer noch die sexuelle Spannung zwischen ihnen war. Der Bär meinte, der Tisch müsste sich leicht verrücken oder vielleicht zitternd in die Luft erheben wie bei einer spiritistischen Seance, empor­gehoben von Wellen unterdrückter Energie und sinnlicher Erregung. Aber alles, was sich erhob, war Iris’ Rotweinkelch, den sie ihm lächelnd ent­gegenhielt. Der Bär erhob auch seinerseits das Glas.
»Auf die Freiheit«, sagte der Bär.
»Gesundheit.«
»Schönheit.«
»Dich.«

 

»Wie konntest du nur so gemein zu ihm sein?«, fragte Iris, als Jones wieder weg war.
»Ich dachte, damit wären wir durch. Haben wir immer noch Bären­folter­woche?«
»Du warst schrecklich.«
»Ursus horribilis. Ich geb’s ja zu. Können wir das jetzt ruhen lassen?«
»Solange du einsiehst, wie übel du warst.«
»Okay, okay. Ich gestehe. Hör mal, willst du meine Darstellung einer Bä­ren­fellbrücke sehen?« Der Bär sprang aus seinem Sessel und warf sich bäuchlings auf den Wohnzimmerteppich. Er streckte alle Glieder von sich, stieß die Luft aus der Lunge und riss die Kiefer auseinander. »Wie issen das?«, fragte er, ließ die Zunge herausrollen und verdrehte die Augen.
Iris gab sich Mühe, nicht zu lachen.
»Und der einzige Grund, warum du wütend auf mich bist«, sagte sie, »ist der, dass ich kein braves Mädchen bin und mit dir ins Bett gehe.«
»Wow, jetzt ist es raus«, sagte er aus seiner schwierigen Position heraus.
»War es immer«, sagte Iris.
»Na ja, es wäre eine nette Geste, oder?« Der Bär drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf eine Pfote und warf seinen Blick vage in ihre Rich­tung.
»Da wird nichts draus«, sagte Iris entschieden. »Und du hast Jones nicht gefragt, ob du wieder zurück in die Wohnung ziehen kannst.«
»Wir sind abgelenkt worden. Ich hab’s vergessen.«
»Ruf ihn morgen an und frag.«
Der Bär erhob sich vom Fußboden und klopfte sich den Pelz ab. »Du bist eine Prinzessin hoch oben auf einem steilen gläsernen Berg, ja?«, sagte er. »Ich muss irgendeine passende Heldentat vollbringen. Hab ich’s getroffen?«
Iris versuchte, nicht zu lächeln. »Du bist so unerfahren«, sagte sie.
»Versuch doch, mich als einen in die Jahre gekommenen Heranwachsen­den zu sehen.«
»Tja, nimm Vernunft an.«
»Wie?«
»Ich geh zu Bett. Vielleicht könntest du ausnahmsweise mal abwaschen. Nimm Stahlwolle für die Bratpfanne und die Bürste mit dem langen Griff für die Teller und Gläser. Solltest du in mein Zimmer kommen, erschieße ich dich. Gute Nacht.« Sie drehte sich abrupt um und verschwand.
Der Bär stand im Wohnzimmer und dachte: Wa? Hä? Das ging aber ein bisschen plötzlich, und wieviel hab ich dabei eigentlich unterm Strich verloren?
Später jedoch, als er allein auf seinem schmalen Bett lag, das ungelesene Buch aufgeschlagen auf dem Bauch, da schien wieder alles anders zu sein. Er erinnerte sich, wie leicht ihm der Gedanke gefallen war, sich die Sache mit der zarten Schönheit abzuschminken und zu schauen, ob nicht vielleicht Sybil Bailey zum Vögeln verfügbar wäre, und im Rückblick ließ ihn das in seinen eigenen Augen als vollkommen monströs erscheinen. Sein Herz war schwarz, ein tragbares, schlagendes Gefängnis.
Nach einer Weile fingen seine Gedanken an zu schweifen, und er erlaubte ihnen, Iris schlafend vor sein inneres Auge zu rücken. Sie schlief vermutlich inzwischen. Ein- oder zweimal war sie in der letzten Woche nach dem Abendessen auf ihrem Wohnzimmersofa eingeschlafen, auf dem Rücken liegend, den Kopf auf die Armlehne gestützt, und der Bär hatte sich auf die Kante des Couchtisches gesetzt, um ihr beim Atmen und Träumen zuzu­sehen, während sich die Augen hinter ihren Lidern hin- und herbewegten. Der Bär hatte nur einige wenige andere Menschen beim Schlafen beobachtet – Jones, der aussah, als hätte er eins über den Schädel gezogen gekriegt, und ein paar Frauen, mit denen er geschlafen hatte und die hinterher eingenickt waren, einen Rest von schiffbrüchigem Körper zurücklassend –, aber so etwas wie Iris hatte er noch nie gesehen. Wenn sie schlief, fiel alle Anspannung von ihr ab, ihr Gesicht wurde weich und wirkte unverstellter, und alles an ihr, besonders die ungeschützte Kehle und das Gesicht, zwang den Blick, sich aufwärts zu richten: Es war nicht schwer zu erkennen, welchen Weg ihre Seele geflogen war, nämlich ganz aus ihr heraus, und zurückgelassen hatte sie auf ihrem Gesicht einen Ausdruck von Erlösung und unbedingtem Vertrauen. Nie war sie auf reinere Weise schön als im Schlaf. Nein, das stimmt auch nicht: Sie ist leuchtender und komplexer, wenn sie wach ist, aber dadurch, dass er ihr beim Schlafen zusah, verstand der Bär, warum verliebte Menschen den unwiderstehlichen Drang verspüren zu sagen: Ich werde dich auf ewig lieben, und ich habe dich schon immer geliebt, selbst wenn sie wissen oder ahnen, dass sie dieser Aufgabe in einer Welt, die ein Zeitkapitel an das andere setzt, gar nicht gewachsen sind. Ein Augenblick unverfälschter Liebe, mag man ihn später noch so sehr versauen, öffnet ein heiliges Fenster auf etwas, das außerhalb der keuchenden Zeit liegt und das nimmermehr ganz verleugnet werden kann, gleichgültig, was für Unsittlichkeiten ihm folgen mögen. Aber weil man diesen wahren Au­genblick, wenn er denn kommt, nicht als solchen erkennen kann, sagt man in hinzufügender Sprache etwas über immer und ewig. Als ob ein hinzufügendes Ewiges irgendetwas damit zu tun hätte. Worum es geht, das ist die Wahrnehmung von Ewigkeit trotz allem Alltagsticken einer sterblichen Hülle. Hierzu gibt es keinen privilegierteren Zugang, so schien ihm, als die Liebe.
Auf diese Weise hatte der Bär einige Male über ihrem Schlaf gesessen und sich dabei gefühlt wie ein großer dunkler, um die Zartheit ihres Lich­tes kreisender Planet, durch die elliptischen Umlaufbahnen des Verlangens wirbelnd und hinab durch die schwindelerregende Kluft zwischen ihrer beider Spezies starrend. Er meinte fast zerbrechen zu müssen ob des Ab­grunds zwischen seiner ungeschickten Sehnsucht und der Eleganz ihrer voll­kommenen gestaltlichen Hervorbringung. Und dennoch, ob hörig oder wachsam, ob seinem Herzen gehorchend oder den Gesetzen einer anderen subtilen Physik, hatte er sich weit und groß gefühlt, hingebungsvoll und geduldig und bedächtig.
Wenn das keine Liebe ist, dann ist es jedenfalls das Beste, was ein armer dummer Bär vermag.
Er betrachtete bei solcher Gelegenheit das komplex gefügte, durch das Zurückbiegen des Kopfes enthüllte Kabelwerk, das den klassischen Zug von Kinn und Kiefer unterstrich, bewunderte die Verflochtenheit von Sehne und Atem – sieh nur den Puls dort schlagen –, und in Verehrung dieses träumenden Gesichts und des Geistes, den es augenblicksweise aus seiner Umgrenzung befreit hatte, gab er sich der Schönheit der Kon­struktion hin und dem, was sie hinsichtlich des Ungeschaffenen, des mehr als nur Gebauten, implizieren mochte. Er wollte, wenn nötig, in Ewigkeit wachen über diese flüchtige und kostbare Seele, über das atmende Haus, in dem sie wohnte, auf dass nichts Schroffes und Schädliches eindringe und ihr Dasein beeinträchtige. Ich werde sie beschützen, insbesondere, falls nötig, vor mir. Vielleicht war er nicht mehr als eine beliebige Kreatur auf Wachgang, benommen von der höheren Musik, die sie in ihm freigesetzt hatte. Vielleicht war das schon die ganze Bedeutung der Sache. Und vielleicht war das auch genug.


Er hob den Kopf, und sein Blick Wel auf ein Eichhörnchen, das ihn, auf seine Hinterbeine aufgerichtet, von einem Baum aus beobachtete. He, so weit hast du es nach oben geschafft, dachte der Bär. Ein Hoch auf deinen Unternehmungsgeist. Der Bär winkte einen Gruß, worauf das Eichhörn­chen erneut auf ihn einteufelte, wütend seinen Schwanz schüttelte und sich auf einem Ast auf ihn zubewegte, dessen Borke von einem frühmorgend­lichen Schauer noch ganz schwarz war. Das Eichhörnchen fletschte die Zähne und erhob sich in einer erneuten Drohgebärde auf die Hinterbeine. Wow, dachte der Bär der territoriale Imperativ bei der Arbeit. Schau ihn dir an.
Der Bär wollte den Kleinen nicht demütigen, aber er konnte nicht anders als lachen. »Ist ja gut, ich gebe mich geschlagen«, sagte er schließlich zu dem Eichhörnchen, hob zum Zeichen der Aufgabe scherzhaft die Pfoten, stand von seinem Stuhl auf und zog sich vom Fenster zurück.
Das Eichhörnchen keifte zur Sicherheit noch ein bisschen weiter, dann kroch es auf dem Ast zurück, wobei es rhythmisch mit dem Schwanz fuchtelte und dem Bären verächtlich sein winziges Arschloch zeigte.
Der Bär musste wieder lachen. Was für eine Art und Weise, Welt zu basteln.
Wo er nun schon stand, beschloss er, einen Rundgang durch Iris’ Woh­nung zu machen. Er warf einen Seitenblick auf den Saxofonkasten, der hochkant neben dem Sessel stand. Nein, sein Instrument war in Ordnung, und die benötigten Notenblätter waren auch alle im KoVer verstaut. Er war bereit. Er war bereit, obwohl eigentlich der Wunsch, vor allem wegzulaufen, sich in seinem Inneren breitmachte. Das Problem mit dem Vor-allem-Weglaufen war natürlich, dass das ›alles‹ per definitionem nicht zuließ, dass man vor ihm weglief. Es war allerdings nicht allein der Druck der bevorstehenden Aufnahmesession, der ihm zu schaVen machte. Es war das Gewühl der laufenden Ereignisse, einschließlich seiner Liebe für Iris oder seines körperlichen Verlangens nach ihr, und all die Nebenumstände, die ihn auf raffnierte und hinterhältige Weise dazu verleiteten, wieder ein einzelnes Leben aus einer Welt unendlicher Möglichkeiten auszuwählen. Es war der Zwangscharakter der manifesten Ordnung, der ihn verstörte: wenn du dies bist, kannst du nicht das sein. Es war, wie üblich, die Tatsache, dass er über­haupt hier sein musste, und dazu der ganze Packen von Regeln, der damit verbunden war. Er wusste, warum er hier war. Er war hier der Liebe wegen, aber die Konsequenz daraus hieß Schmerz und Leid.

 

»Ich bin James«, sagte der Tontechniker, indem er vom Kontrollbord auf­sah. »Ich bin gerade beim Einpegeln.«
»Hi«, sagte der Bär. »Genau wie ich.« Er fühlte sich jetzt ausreichend akklimatisiert, um zu hören, was Haden da machte. Der Bassist kreiselte sich durch eine ganze Serie von Dreiergriffen nach unten, wobei der Grundton stets perfekt saß und die höheren Noten um eine Winzigkeit nach oben glitten, um den Akkorden einen suchenden Ton zu verleihen. Als Haden den untersten Punkt seines Zirkels erreicht hatte, ließ er einen seiner Töne-aus-dem-Kern-der-Erde vom Grund des Basses los und bog ihn mit kraftvollem Fingereinsatz zurecht, so dass er sich zu purer Schönheit aufschwang und mehr oder weniger das inzwischen völlig aufmerksame Herz des Bären verwüstete. Der Bär konnte nicht recht fassen, dass er mit diesem Burschen zusammen spielen sollte.
»He, Alter«, drang Hadens Stimme aus den Lautsprechern zu ihm. Der Bär öffnete die Augen und sah, dass Haden ihm hinter dem Fensterglas zulächelte. »Heut schon jemanden gekillt?«
»Ist ja noch früh«, sagte der Bär.
»Was?«
»Einen Moment, ich mach dir ein Mikro auf«, sagte James von seiner Schaltstation herunter.
»Ach was«, sagte der Bär, zog die schwere Tür des Regieraums auf und schlenderte ins eigentliche Studio. Haden legte gerade seinen Bass sanft auf die Seite, wobei er ein rechteckiges Stück Teppich als Polster nutzte. Der Bassist sah auf und lächelte.
Der Bär hatte im Laufe der Jahre eine Menge Leute auf sich zukommen sehen, aber keiner von ihnen hatte es so hingekriegt wie Charlie Haden. Normalerweise hatten sie immer, vor allem bei den ersten Versuchen, etwas Panisches an sich, mochte es auch mit Ironie oder Forschheit überspielt sein, aber Haden ging, wie auch schon letztens bei der Probe, einfach auf ihn zu, ungezwungener als je sonst ein Mensch, ein geselliges Lächeln auf dem entspannten Gesicht und ein Ausdruck von Interesse in den Augen. Haden streckte die Hand aus, und der Bär nahm sie fest in seine Pfote.
»Wirklich schön, dich zu sehen, Mensch«, sagte Haden mit seiner schwan­kenden Tenorstimme.
»Ich bin kein...«, setzte der Bär zu seinem Standardspruch an, ließ ihn dann aber in der Luft hängen. »Tut gut, gesehen zu werden. Ich mein, es ist auch schön, dich zu sehen. Oder beides. Wie auch immer.« Haden war einer der wenigen Leute aus seinem Bekanntenkreis, die die Macht hatten, ihn mehr oder weniger vollständig zu entwaffnen.
Nachdem die Förmlichkeiten somit abgehakt waren, gestattete Haden sich ein diabolisches Lächeln. »Ich hab ja schon mit echt tierischen Leuten zusammengespielt, aber das hier ist doch eine Premiere.«


Der Bär fand, dass ein Schlagzeugsolo gerade jetzt gut kommen würde, und um Billy diesen Gedanken mitzuteilen, setzte er das Saxofon an die Schnauze und begann eine Art Vorspiel für ihn. Eins kam zum anderen, und ohne es eigentlich zu wollen, steckte er plötzlich in seinem zweiten Solo. Es war ganz unerwartet gekommen. Hatwell hielt sich zurück, er hatte jede Menge Freiraum, und da Bass und Schlagzeug gedämpft agierten, lag kein Druck auf ihm. Der Bär war der Ansicht, er mache lediglich ein bisschen Pausenmusik zwischen zwei Hauptattraktionen und widmete dem Geschehen daher nur zerstreute Aufmerksamkeit. Seine Gedanken er­griffen die Gelegenheit, zogen den Kopf aus der Schlinge und gingen ein wenig auf Wanderschaft. Hör dir diese Typen an, dachte er, Hadens und Billys Begleitungen und Einflüsterungen lauschend, der Biegsamkeit des Beats, der angebotenen harmonischen Abschweifung, der Drohung oder dem Versprechen von fernem Donner, schließlich Regen. Wo sonst könnte man solche Musik finden? Wo sonst solche Disziplin und gleichzeitig solche Ungezwungenheit erleben? Es war eine reiche, vielgestaltige Welt für sich, und wenn man sich außerhalb ihrer sichtbaren Parameter bewegte, konnte man alles Mögliche von dort auflesen und mit hineinbringen, ohne sich in Ehrerbietung vor fremden Göttern verneigen zu müssen. Nur eins war nötig: spielen zu können. Zu wissen, wie man es zusammenbrachte. Zu begreifen, dass es potenziell bereits zusammen war, klar und vollständig, und gleichzeitig sich rückhaltlos in den Malstrom des unbekannten Prozesses zu stürzen. Alles was man kennen musste, war das kleine Ge­heimnis, das es zum Swingen brachte. Es war keine große Sache. Es war halt das Leben, nicht mehr, nicht weniger.
Sie spielten immer noch, Billy lehnte sich etwas zurück, und Haden fing an, den Bären zu verunsichern – wo dieser vielleicht erwartet hätte, dass der Bass neben ihm einherschreiten oder -rennen würde, da lief jetzt dieses Bup-bup-bup-bup-Triolending, reine Komödie, und der Bär dachte: Was zum Teufel ist das denn? Hatwell meldete sich mit ein paar abgedrehten Reserveoktaven zurück. Tonika, Dominante, nichts Besonderes, verhältnis­mäßig hingemollt, und siehe da, die Musik begann, das zu tun, was sie Gerüchten oder der Sage nach tut, nämlich ihn an der wuchernden Kata­strophe seiner selbst vorbei zu Erlösung und größerer Erkenntnis zu tragen. Wegen seines fortdauernden Gefangenseins konnte er dies nicht mit der gan­zen Spannweite seines Wesens auskosten, aber er konnte dort am Springbrunnen sitzen und den Druck regulieren, der sein Saxofon nach Ge­setzen nährte, die jedem in ähnlicher Lage, der seine Zwetschgen halbwegs beisammen hatte, einleuchten und dem Zuhörer ein Wohlgefallen sein mussten. Tatsächlich war dies doch genau das, wonach er gesucht hatte, der feinsinnig richtige Eintritt oder Austritt, die Möglichkeit, zu wissen und nicht zu wissen, was vorging. Rechte Pfote, linke Pfote, ein Ton nach dem anderen, wer weiß, zusammen mochten sie Musik ergeben. Wie auch immer, zum ersten Mal seit Menschengedenken befand er sich im Zentrum von etwas, das wirklicher war als er selbst, fühlte zwar immer noch nichts, war aber wach genug, die nötigen Bewegungen und Bedeu­tungen in Gang zu setzen und grundsätzlich alles laufen zu lassen.
Haden gab Vocals zum Besten, stieß eins seiner wohlbekannten Whoos aus. Yeah, aber was weiß er schon? Mit toten Augen, aber einem auf kleiner Flamme köchelnden Herzen – zu weit im Inneren, um zu wärmen – spielte der Bär, was er von dieser zweideutigen Position aus konnte, rollte seine Phrasen aus, rieb sich an den Gesetzen des Rhythmus, um sich dann wieder seiner Autorität zu beugen, zerrte an den Tauen und Trossen der Harmo­nik, bekam die Segel hoch, reffte einige wieder und segelte weiter in den Leib des Tages hinein. Wenn er, im Interesse größerer Schnelligkeit, das ganze Gewicht seiner Emotionen in die Wirbel und Strömungen der Mu­sik hätte heben wollen, wäre er auf das Problem gestoßen, dass er trotz aller Intensität des Augenblicks eigentlich keine Gefühle hatte. Es war dies noch immer eine Art Intermezzo zwischen dem Überdruss-Ich, mit dem er lebte, und der Welt, die er erreichen wollte, so dass es in sich und für sich wahrlich nichts war, und gleichzeitig wusste er, dass es doch haargenau das Beste war, was er sich vom Augenblick und dessen Pfotenvoll Material erhoVen konnte. Du darfst nur nicht glauben, du tätest etwas Endgültiges oder Be­eutendes, dann kannst du vielleicht noch eine Weile so weitermachen.

 

»Die Abzweigung nach Woodstock kommt auf der rechten Seite«, sagte er. »Bei der Tankstelle.«
Dort angelangt, steuerte Iris den Transporter auf die kleinere Straße, und als sie in den Windschatten des Overlook Mountain eintraten, hatte der Bär das vertraute Gefühl, von der Landschaft begrüßt und aufgenommen zu werden, spürte eine weibliche, mütterliche Präsenz, die schon einen dramatischen Wechsel darstellte, wenn man aus der Stadt kam, wenn man es auch vielleicht bei längerem Aufenthalt nicht bemerken würde. Vergess­lich­keit oder Verblassen einer Illusion? Wie auch immer, im Moment wirkte es kräftigend und untrügerisch.
In den Bergen herrschte noch Frühlingsanfang, und der Bär fragte sich, ob schon ein paar andere seiner ungefähren Art von den Höhen ein Stück weiter nordwärts heruntergewandert kämen. Die zweifüßige Bevölkerung Woodstocks würde die Gegend erst in ein paar Monaten in vollem Maße verstopfen, das Land war lieblich, man konnte die Hügel durchstreifen und würde was zum Kauen Wnden. Sie waren Schwarzbären, kleiner als er; die Niederungen würden sie meiden, außer um gelegentlich in den Bächen nach Beute zu suchen. Nach der Erfahrung des Bären waren die meisten von ihnen noch nicht so tief gesunken, sich vollständig von Abfällen zu ernähren, obwohl man natürlich gern überall zugriff, wo sich etwas bot. Es wäre nett, mal wieder den einen oder anderen Bären zu sehen, solange er sich nicht auf end- und hirnlose Revierkämpfe einlassen musste, während er doch nichts weiter wollte, als ein bisschen geselligen Umgang zu pflegen und ganz entspannt ein paar Geschichten auszutauschen. Er war ein geselligeres Wesen als seine Vettern vom Lande, die ihn auch nicht immer verstanden. Er war hübscher als sie, unabhängig von ihrer jeweiligen Fär­bungsphase, und er fragte sich, ob sie ihn um seinen breiteren, würdevolleren Kopf beneideten, seine ausgeprägte, ausdrucksvolle Stirn, die besseren Schultern und diesen charakteristischen Muskelhöcker im oberen Rücken­bereich – alles in allem um seine angenehmere Gestalt, die klarer gezeichneten Gliedmaßen, das insgesamt differenziertere Äußere mit dem farblich aufgelockerteren Fell, das zudem von angenehmerer Textur war, und
außerdem bewegte er sich auch noch besser als sie, zockelte nicht so stark. Die Männchen würden ihn verfluchen, und der Wahn ihrer »nationalistischen« Anschauungen würde ihre Köpfe zum Rauchen bringen, während er doch nur den Wunsch hatte, seine Solidarität, seine Bewunderung und seine brüderliche Liebe zum Ausdruck zu bringen. Was für eine Methode, einen Planeten zu betreiben! Der Wald war genauso verrückt und von miteinander konkurrierenden Wahnvorstellungen geschlagen wie die Stadt, die Iris und er gerade hinter sich gelassen hatten. So viel Platz gab es, doch so wenig Raum, sich zu bewegen.
Und dann waren da noch die Bärinnen.


In mancher Hinsicht hatte sich der Bär als ungeschickter Liebhaber erwiesen. Vielleicht konnte man ihn sich mit der Zeit abrichten.
Als würde es darum gehen. Was sie, von der Betrachtung seiner fast unerträglichen Kraft mal abgesehen, überrascht hatte, war, wie empfindsam und sogar zart er sein konnte.
Das zweite Mal war nach konventionellen Kriterien besser gewesen, wahrscheinlich das Beste, was sie an- oder ausgezogen in den letzten Jahren erlebt hatte, aber gleichzeitig auch auf unerklärliche Weise weniger tiefschürfend. Und wie fühlte sie sich jetzt? Sicherlich war da mehr als nur das gewöhnliche postorgasmische Glühen, obwohl inzwischen genug Zeit verstrichen war, dass auch der alte Dämon Zweifel sich wieder erheben und an ihr zerren konnte. War dem Bären zu trauen? überhaupt irgendjemandem? Ihr selbst? Konnte man etwas so Flüchtigem und Überrumpelndem wie dem Sex zutrauen, die Grundlage für irgendeine Form des Zusammen­lebens abzugeben? Vielleicht war es zum Teil das, was ihr zu schaffen machte: die erniedrigende Ahnung, dass Sex die einzige, sicherlich die entscheidende Münze war, die sie dem Bären anzubieten hatte. Wenn sie es zuließ, konnte sie die Scham bei dem Gedanken aufsteigen fühlen, dass ihre Gabe darauf beschränkt sein sollte, sich hinzulegen, die Beine breit zu machen und sich vögeln zu lassen, ihr Körper also die einzige Karte wäre, die sie am Pokertisch dieser Welt zu spielen hatte, einer Welt, welche bei Licht und vorurteilslos betrachtet ein mörderisch brutaler Saloon war. Falls dem so war, dann war auch das angebliche Liebesspiel mit dem Bären nur eine scheußliche Transaktion, nur eine neue Methode, mal wieder unter das Rad zu geraten und die Seele wie Saft aus dem Leib gepreßt zu bekommen. Dann war auch dies nur mehr vom Immerselben, nur das Routinebrechen eines weiteren menschlichen Herzens, keine große Sache in diesen Breiten. Wo aber lag dann der Sinn des Ganzen?
Sie konnte, sie durfte sich nicht all diesen Ängsten hingeben. Nährte sie denn keinerlei Hoffnung, war sie denn nicht, trotz allem, noch immer echter Liebe fähig? Es konnte doch nicht nur ihr so gehen. Es musste noch immer irgendeine Übereinstimmung irgendwo da draußen geben, oder? Irgendein Rückruf? Woher hätte sonst ihr eigener Ruf kommen sollen?
Nun ja, sie hatte natürlich einen sprechenden Bären gefickt.
Sie zweifelte nicht daran, dass der Bär in sie verliebt war. Aber er betrachtete die Sache so romantisch, und romantische Liebe, das wusste sie, ist etwas, was nicht ewig dauert. Die entscheidende Frage war, ob er sie von einem Loch in der Wand beziehungsweise dem Loch zwischen ihren Beinen unterscheiden konnte. Der Frage war, ob er sie wenigstens ansatzweise verstand. An der Kluft zwischen seiner zweifelsfreien Liebe und seinem zweifelhaften Wissen bemaß sich das Risiko, dem sie ihr Leben aussetzte. Nun da die Leidenschaft, mit all ihrer blinden, gebieterischen Macht, sie beide ergriffen hatte, konnte sie keine klare Vorstellung davon haben, wie stabil oder gar existent die Seilbrücke war, auf der sie sie überquerte, die Kluft... den Canyon? Die Schlucht? Das hübsche kleine Tal, in dem man sich niederlassen konnte? Den gähnenden Abgrund?
Was genau passiert eigentlich mit einem, nachdem man einen sprechenden Bären gevögelt hat? Man wird schwerlich damit rechnen können, eine Selbsthilfegruppe zu finden, selbst in dieser Ecke des Waldes. Sehen Sie: Sprechende Bären und die Frauen, die solche lieben. Gleich nach der Werbung. Siehst du. Wenn Verstand und Charakter erst hinüber sind, dann hast du eine Zukunft im Nachmittagsfernsehen. Vielleicht lässt sich sogar ein Vertrag für ein Buch rausschlagen. Es ist für alle Eventualitäten Sorge getragen.

 

Er wandte sich wieder dem Baum mit der rauhen Borke zu, der den mörderischen Juckreiz an seinem Rücken so schön gelindert hatte, legte die Krallen bloß und riss probehalber ein Stück Borke von der Größe eines Nummernschildes heraus, und auf dem helleren Holz darunter war schwer was los: Guck dir das Insektenzeug an, wie es rennt! Eine große schwarze Ameise und irgendwelche blassweißen Krabbeldinger flitzten los und suchten nach Deckung, wollten unter der nächsten Borkenkante verschwinden. Maden. Also, das war etwas, was für ihn überhaupt nicht mehr in Frage kam. Sein Leben in der Menschenwelt war nicht völlig umsonst gewesen. On s’apprend le bon goût schließlich. Lauren Hutton hatte zwar einmal in Afrika sehr demonstrativ Termiten gegessen, aber alles hat schließlich Grenzen.
Der Bär zog hügelwärts, freute sich darüber, wie sein Körper funktionierte, wie energisch seine Vorderpfoten ausgriVen und wie sie beim Kon­takt mit dem Boden die Welle der Bewegung reibungslos über seine Wirbelsäule bis zu den Hinterpfoten weiterleiteten, auf dass diese sich ihrerseits kraftvoll austoben konnten. Einfach so aus Spaß legte er einen kurzen Sprint ein und fühlte sich dabei so ziemlich wie der König der Welt. Mal ehrlich, wer konnte da mithalten? Nenn mir jemanden. Na los.
Natürlich war dem Bären klar, dass er, wenn er keine Frau im Schlepp­tau hätte, überhaupt gar kein Haus brauchen würde. Dann müsste er auch nicht die fünfzehnhundert pro Monat für die Miete berappen, ganz zu schweigen von den laufenden Kosten. Am Morgen bevor Iris in die Stadt zurückgefahren war, hatte sie zudem verlauten lassen, dass sie beide sich wohl ein Auto kaufen müssten, wenn sie hier wirklich leben wollten, und er hatte gesagt: Wie wär’s, wenn du es bezahlst, worauf sie gemeint hatte: Vielleicht sollten wir es uns teilen. Siehste, ohne das alles könnte er sich hier mit seinem Saxofon und einer Handvoll Büchern irgendwo im Wald einrichten, und der Vorschuss von der Plattenfirma würde praktisch für ewig reichen. Also, das wäre doch das wahre Leben.
Oder etwa nicht?
[...]
Der Bär schüttelte den Kopf. Es verblüffte ihn, wie das Leben einen doch immer wieder in die Klauen bekam, egal, in welche Richtung man sich wandte. Lebe solo, hause zusammen mit Jones, halt dich vom Showbiz fern, oder lass dich darauf ein und stell dich auf der Bühne zur Schau; oder nimm schließlich ein echtes Exemplar der lebendigen Schönheit der Welt in die Arme, und liebe es so ganz und gar, dass du deinen Schwanz, deine Zunge und die brechende Flut deiner wallfahrenden Seele darein versenkst... und da wärst du dann wieder mal, ist doch so, einmal mehr für eine volle Dienstzeit bei der Identitätsfarce unter Vertrag, und das nicht Wissbare prasselt von allen Seiten auf dich ein. Es hört nie auf, was?
Wie auch immer, es war lange her, seit er zuletzt mal so richtig ausgiebig durch die Wälder gezogen war. Es war auch, um beim Thema zu bleiben, so verdammt lange her, seit er zuletzt einen anständigen Lauf auf allen vieren hingelegt hatte. Es wäre doch bescheuert, die einfachen Freuden dieses Tages dadurch zu verderben, dass man zuviel darüber nachdenkt.


Er legte sich mit dem Rücken gegen ein stabiles Mitglied der dickborkigen Gemeinde und befand, bei jäh abkühlender Luft, dass dies besser sei, als in irgendeiner Höhle zu hausen, und außerdem, aber das nur ganz nebenbei, sehr viel männlicher.
Süßes Gefühl der Ruhe, während die Nacht sich ausbreitete. Ihm fiel eine Metapher irgendeines Sufi-Dichters ein – Rumi wahrscheinlich, denn das war der einzige Sufi-Dichter, den er näher kannte –, und er dachte: So schön diese sich verdunkelnde Szenerie auch sein mag, ja doch, wirklich reizend, verhält es sich doch so, dass man, wenn man seine Aufmerksam­keit den Phänomenen und ihrem Tanz zuwendet, gleichsam nicht einmal in die Wellen des Meeres greift, sondern lediglich in Schaum und Blasen, während tief darunter das Leben sich hinauf- und hinabsiebt, durch verschiedene Lichtebenen und eine unendliche Zahl von Konfigurationen hindurch, greifbar weder durch Verstand noch Fantasie – selbst das Be­gehren hat da bessere Karten. Was er wollte, war, die Beschränkung der Offenbarung durch ihre je besondere Gestalt aufzuheben. Der einzige Weg dazu, den er kannte, war Versenkung in die Schönheit, so rein, wie er sie nur ertragen konnte. Aber sein Verstand führte ihn unbarmherzig zurück zur Form, gegenwärtig zu der Form, die er am meisten liebte und die er, ungerecht und seinen Bedürfnissen nachgebend, unter allen anderen erwählt hatte: Iris.
War solche Liebe wahrer Ausdruck oder nur wieder Gefangensein?
Trotzdem, dachte er, den rauhen Baum im Rücken fühlend und das Dunkeln des Himmels beobachtend, wäre es albern, den Blick zu verengen und alle Unterscheidungen zu vermeiden. Dies sagen, aber nicht jenes, jenes, aber nicht dieses. So spielt die Musik nicht.

 

Wann immer Jones, noch als Junge von Anfang Zwanzig, normalen Jobs hinterhergetrottet war – den endlosen Anzeigen in der Zeitung folgend, wie ein pflichtgetreuer, in die Knochenmühle gespannter, kurzsichtiger Esel –, war er fast nie bis zu dem eigentlichen Bewerbungsgespräch vor­gedrungen. Nachdem er die etwaige Firma mit dem Ergebnis seines IQ-Tests, einem verlogenen Lebenslauf und ein bisschen intelligentem Daher­gerede beeindruckt hatte, wurde er in aller Regel plötzlich von wildem gegenkulturellen Sentiment ergriffen – ganze schwer bewaffnete Gefühls­bataillone marschierten in ihm auf, um gegen die Wirtschaft zu wüten, die die Erde verzehrte, um Milliarden von glitzernden Gegenständen zu produzieren, die niemand brauchte etc. pp. –, und so machte er meistens einen Abgang, bevor er überhaupt den Chef zu sehen kriegte. Wieder zu sich kam er dann für gewöhnlich im Ninth Circle in der 10th Street, bei einem Hamburger mit einem Stück Bermudazwiebel auf russischem Pumper­nickel, einem Krug Dunkelbier und einem Korb voll Erdnüssen, die er aus einem Fass am Ende der Bar geschöpft hatte, und seine Füße tanzten schlurfend inmitten von Erdnussschalen zum Beat der Horace-Silver-Scheibe aus der Jukebox: “Filthy McNasty” oder manchmal auch “Señor Blues”.
Es entspricht der menschlichen Natur, dass man die Gestalt, in die man hineingepeinigt wurde, dann auch noch glorifiziert oder jedenfalls verteidigt. Es gab da fast keinen Ausweg.
Wie dem auch sei, das Ninth Circle hatte sich erst in eine Schwulenbar verwandelt und war dann ganz verschwunden, und die Firmen veranstalteten keine Intelligenztests mehr. Alle Welt hatte das College besucht und war schlau, aus der Gegenkultur war mehr oder weniger die Mitmach­kultur geworden, und was vorher als Ausverkauf galt, hieß jetzt Sich­einkaufen. Selbst er hatte heutzutage eine Art Reputation, war halb verantwortlich gewesen für Verträge und ein paar Platten mit dem Bären. Jedem unbefangenen Beobachter musste er wie jemand erscheinen, der etwas darstellte, und nicht wie das sich teilweise enthüllende Trugbild, als das er sich noch immer fühlte. Wenn Sybil nicht wäre, säße er gar nicht hier, um trotz der aggressiven Klimaanlage langsam die Couch vollzuschwitzen, Sybil hatte aber darauf bestanden, und er hatte sich schließlich dazu bereit erklärt. Er hatte ihr, zum Abschluss eines viergängigen, selbstgekochten Me­nüs, versprechen müssen, dass er sich ehrlich und echt reinhängen würde. Hinterher war’s dann noch richtig gemütlich geworden.
Eine Dreiergruppe spazierte in lockeren weißen Hemden und mit gleichartigem Lächeln an ihm vorbei, ein schickes japanisches Mädchen zwischen zwei breitschultrigen Amerikanern, und wieso waren sie eigentlich alle, das fernöstliche Mädel eingeschlossen, so verdammt groß? Jones selbst war von durchschnittlicher Länge. Oder etwa nicht? Mit einem Me­ter fünfundsiebzig, meinte er, müsste er doch New Yorker Durch­schnitt sein, aber vielleicht hatte sich die Lage ja verändert, als er gerade anderweitig beschäftigt war.
Waren das die Leute, die zwei Tausender im Monat für ein Studioapart­ment hinblätterten oder eine halbe Million für eine Einzimmereigentums­wohnung? Und dann noch ein paar Tausender pro Monat für sogenannte Nebenkosten – er hatte Sybils Abrechnung gesehen, und trotz aller Er­klärungen ihrerseits hatte er keinen großen Unterschied zu einer normalen Miete erkennen können. Das richtige Auto kostete ja auch noch seine dreißig bis fünfzig Riesen. War es daher möglich, wenn man Steuern und andere Scherze noch berücksichtigte, dass diese Typen hier genau solche Würstchen waren wie er, mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich selbst ganz furchtbar toll fanden, jedenfalls bis zum dem Tag, da Megaton
im Zuge notwendiger Marktanpassungen personelle Überhänge abbauen würde und sie urplötzlich ohne Rhythmusspur dastünden?
Alles, was Jones brauchte, waren ein Hemd, ein Dach überm Kopf, ein paar Charlie-Parker-Platten, ein Gespann Pferde, eine Chaise und einen Graben um die Burg. Scheiß doch auf all diesen überflüssigen amerikanischen Kack.
Das Schreckliche war allerdings, dass er, sobald er sich das Geschirr hatte anlegen lassen, wahrscheinlich einen ziemlich guten Firmenesel abgeben würde.


Jones blickte durch die Fensterfront auf das, was die Midtown darzubieten hatte. Falls irgendetwas unter dem Gewicht von dessen Irrealität zusammenbrechen sollte, dann doch wahrscheinlich eher ich als New York. Aber wir schaffen es, für eine Weile zu koexistieren, oder? Es könnte funktionieren. Ich handle ja nicht aus freien Stücken. Es sind fundamentale Anforderungen an meine Person gestellt worden. Ich muss diesen Job haben. Hinterher winkt als Kompensation erstens Sex mit Sybil und zweitens, wer weiß und wir wollen ja nicht übertreiben: ein Leben.
»Normalerweise«, sprach Badiyi zu ihm, »werden Vorstellungsgespräche wie dieses nicht von mir geführt. In Ihrem Fall habe ich eine Ausnahme gemacht.«
»Danke«, sagte Jones und fühlte eine angenehme Wärme durch seinen Körper fluten. Tja, warum nicht?
»Für gewöhnlich befasse ich mich heutzutage nicht mehr mit dem Jazz­geschäft. Es ist nicht gerade eine Goldgrube und auch nicht das, wofür ich engagiert worden bin, und mein Geschmack auf diesem Gebiet entspricht eher dem einer älteren Generation. Was Sie da an Ideen formulieren, klingt alles sehr intelligent, aber ich bin wohl nicht der richtige Mann, darüber zu diskutieren...«
Irgendeine Modulation in Badiyis Tonfall, eine sich ballende Ernsthaftigkeit, ließ Jones die Ohren spitzen. Steht er im Begriff, etwas Reales zu sagen? Ich glaube, ja. Wird es mir gefallen? Schweine könnten fliegen. Bären könnten sprechen, sogar Altsaxofon spielen – nicht schlechter als sonst jemand seit Charlie Parker, sag ihm bloß keiner, dass ich das gesagt habe.
»... und obwohl ich nicht genau weiß, wieviel Platz die jungen Männer, die für unsere Jazzveröffentlichungen verantwortlich sind, Ihnen einräumen werden, würde ich vorschlagen, dass Sie sie kennenlernen und es miteinander versuchen sollten.«
Nun, das klang gut, aber Jones begann – es war vorerst unmöglich, Sorge von Intuition zu unterscheiden – die vertrauten Umrisse eines Luft­schlosses am Ereignishorizont auszumachen, die mit hohlen Phrasen gefüllte Schweinsblase, die da in die Luft stieg...
»Das Wichtigste natürlich, das Sie für uns, für mich, tun können«, und hier schien Badiyi geradezu ehrerbietig zu nicken, »ist, Ihren Freund, den Bären, bei der Stange zu halten. Er ist ein Musiker von offenbar einzigartigem Potenzial, und es wäre eine Schande, wenn wir ihn verlieren würden. Im Widerspruch zu den Gesetzen des Jazz könnte er der Firma sogar etwas Geld einbringen.«
Jawoll, da war sie, die vertraute Melodie, das vor den Augen zerstiebende Schloss, die platzende Blase. Es geht um den Bären, wie üblich, und für mich ist gar nichts drin. Ist das auf ewig alles, was die Welt mir mitzuteilen hat?
Jones’ Mut sank ins Bodenlose, oder so.
Hätte es voraussehen müssen. Sollte langsam mal klüger sein.
»Halten Sie den Bären bei der Stange, und die Firma wird Ihnen dankbar sein.«

 

Schönheit, dachte der Bär, und versank kurzzeitig in einen Tagtraum über Iris, ihre durch ihren Leib verkörperte Seele, ihren durch ihre Seele vergeistigten Leib, die Wölbung ihres Brustkorbs unter ihm, ihre süßen Brüste, das Strahlen ihrer Augen.
Baby, komm heim.
Würde sie’s tun? Er war bisher nicht auf die Idee gekommen, dass sie es nicht tun könnte, jetzt aber kam er ins Grübeln. Die Welt ohne eine Rose. Land ohne Wasser, Raum ohne Luft. Ein Herz ohne Herz. Ein Bär ohne ausreichenden Grund, irgendetwas zu tun. Ich weiß, dass die bloße Frage, ob eine Liebe wie die unsere in dieser Welt überdauern kann, eine Einladung an das Gelächter ist, in Böen durch unser Zimmer zu wehen. Es bläst vielleicht nicht gleich die Kerze aus, aber es stellt mit Sicherheit die Flamme in Frage. Dennoch: Bitte, Herr, beraube mich nicht dieser Gnade.
Der Bär ging nach drinnen, packte sein Instrument ein und begann auf und ab zu gehen, kak medved, wie ein Bär, immer quer durchs Wohnzim­mer.


Der Bär empfand eine tiefe Melancholie, nicht zu verwechseln mit seiner generellen Seinsmüdigkeit. Sein Glaube an die Liebe war immer rein gewesen, und ihn reute jede Zweideutigkeit, die den Blick trübte. Er war kein Realist. Er war ein sprechender Bär.
»Ich gäb sonstwas, wenn du mir deine Gedanken verrätst«, sagte Iris.
Sie lag auf dem Rücken, während er sich auf die Seite gedreht hatte und sie von schräg oben ansah. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Decke hochzuziehen. Ihr Körper erstrahlte in frischem Glanz, ein leichter Schweiß­film bedeckte die Haut und ein paar entsprungene Fellhaare lagen um ihren Bauchnabel verteilt.
Der Bär strich sie mit sanfter Pfote weg. »Soviel wären meine Gedanken nun auch nicht wert«, sagte er.
»Das nehme ich dir nicht ab.«
»Kennst du den Satz von Rilke: Das Schöne ist nichts als des Schreck­lichen Anfang, den wir gerade noch ertragen können, oder so ungefähr?«
»Und das beziehst du auf dich? Nicht schlecht.«
»Nein, ich glaube, Rilke hatte unrecht. Ich glaube, Rilke war ein Anfänger. Ich glaube, der Schrecken ist der Anfang einer anderen, größeren Schönheit, die wir noch schwerer ertragen können, weil sie so groß ist, dass sie unser Verderben bedeutet. Denn im Angesicht solcher Schönheit ist Selbstauslöschung die einzige ehrliche oder angemessene Reaktion.«
»Der Gedanke scheint ja doch ganz beträchtlich was wert zu sein.«
»Ja, aber ich habe ihn ja eben eigentlich nicht selbst gedacht. Er ist gewissermaßen importiert.« Der Bär hatte seinen Blick ins Halbdunkel des Zim­mers gewandt, jetzt aber senkte er den Kopf, um wieder Iris anzusehen. »Ich glaube, dass ich die Anfänge solcher Schönheit mit dir erlebe und dass ich deinetwegen anfange, sie überall zu sehen.« Versuchte er, einen vergangenen, besseren Moment wieder herbeizubeschwören? War dies eine Art Anrufung, ein Gebet, oder lediglich eine Lüge? Er fuhr dennoch fort. »Du hast mir die Bäume, die Bäche, den Himmel zurückgegeben. Du hast mir die Berge, den Geruch von Gras wiedergeschenkt. Ich verdanke dir die Süße der Welt, und es rührt mich zu Tränen.«

 

Anschließend beging er den Fehler, “Reincarnation of a Lovebird” anzusagen, ein schönes, schweres Stück, das nach langen, nachdenklichen Soli geradezu schrie; statt dessen jagten sie es, da sie nur noch wieder rauswollten, in fünf Minuten durch. Das Ted Beastly Quartet hatte ausreichend Muße, um dem absoluten Mysterium nachzusinnen, warum vier überaus kompetente, häufig inspirierte Musiker über Stunden, die sich unendlich hinzuziehen schienen, schlicht nicht in der Lage waren, irgendetwas anderes als bloße Noten zu spielen. Das Taktgefühl des einen wollte einfach nicht mit dem des anderen ineinandergreifen, nicht jedenfalls auf der subtilen, pulsierenden Ebene, auf der lebendige Musik sich entfaltet; alles, was sie spielten, reduzierte sich auf mechanische Gesten der Tonproduktion, in denen keine Bedeutung lag. Die Klänge gingen jeweils getrennte Wege in die Luft oder lagen auf dem Boden herum wie verbrauchte oder unbrauchbare Gegenstände. Keiner von ihnen konnte verstehen, wie einer unleugbar talentierten Band etwas so Entmutigendes zustoßen konnte, aber offenbar konnte es. Keinem von ihnen war dergleichen seit langer, langer Zeit mehr passiert.
»Kann mal jemand meine Finger abhacken«, sagte Hatwell von hinten.
»Zuviel Arbeit«, sagte Bostic.
»Es kann nicht ewig so weitergehen«, sagte der Bär über die Schulter.
»Oh doch, kann es.«
Der Bär sagte “Skylark” an, eine seiner Lieblingsballaden, und irgendein kaltherziger und mordbübischer Jäger schoss auf die Lerche, verwundete sie aber nur am Flügel, sodass sie die ganze Zeit über flatternd auf der Erde lag. Jedesmal, wenn er zur Überleitung kam, spielte der Bär das Stück haargenau wie vom Blatt, mit nur den winzigsten Ausschmückungen, um nicht etwas so Schönes vollends zu versauen.
Der Saal war ziemlich still, als es vorbei war. Wenigstens hatten sie Re­spekt vor den Toten.
Vielleicht, dachte der Bär, kann ein bisschen Uptempo-Energie uns
kurieren. Er sagte “Oleo” an und hörte die Rhythmusgruppe sich in den Umwegen und Absonderungen des Themas verlieren, und als das durch war, warf er sich in die “I Got Rhythm”-Changes, als ob seine Lautstärke und versuchte Leidenschaft schon ausreichten; aber die Beharrlichkeit des raschen Tempos war wie eine Peitsche, die ohne Sinn und Zweck auf sie einprügelte, der Takt wie ein irrer Zwang, um jeden Preis Energie und Hitze und Licht zu erzeugen. Wer gab hier den Befehl? Der Rhythmus im Inneren des Jazz hatte doch immer die Unerschöpflichkeit des Lebens selbst exemplifiziert, einen Grund zur Hoffnung, zum Weiterleben, ein Ho­heitszeichen am Bug der Anmut; im Augenblick aber erschien ihm, und vielleicht auch der übrigen Band, die ganze amerikanische Musik wie eine Galeere, auf der ein blinder Gott die Trommel schlug und Männer sich an den Rudern zu Tode schufteten für eine sinnlose, ins Verderben führende Reise. Anderen war befohlen, zuzuhören und Vergnügen zu finden an diesem Spektakel. Die Welt drehte sich, von Schmerz und Überdruss beladen, und selbst in Friedenszeiten bekam die Bevölkerung Scheiße zu essen, die in großen dampfenden Haufen zu servieren Aufgabe der Musiker war. Ist das nicht ein tolles Land, oder was?


»Er kann dafür gradestehen«, erwiderte Jones, aber Jones sah müde aus. »Also, guck dir doch an, was er hier für Geld reingesteckt hat.«
»Wieviel hat er noch übrig?« Bostic blickte fragend die Decke an. »Ich finde, das ist hier die Frage. Wir sollten zweitausend Dollar in der Tasche haben, bevor die erste Note gespielt ist. Glaubt ihr, er hat soviel?«
Levine kräuselte die Haare, die seine Schläfen schützten. Vielleicht kann man zusehen, wie sie stückweise grauer werden, dachte der Bär. »Ich werde Ihnen etwas verraten, was ich eigentlich für mich behalten sollte«, sprach Levine in den Raum hinein. »Diese Cluberöffnung ist ein richtiges Scheiß­ereignis. Salman Rushdie wird hier heute Abend erwartet.«
»Hat er sich auch auf die Gästeliste setzen lassen?«, wollte Bobby Hatwell wissen.
»British Secret Service«, klärte Levine ihn auf.
»Dann hat er hoffentlich jede Menge Leibwächter bei sich, die Durst haben«, sagte der Bär. »Ich Wnde ja seine Bücher unlesbar, aber es wäre mir eine willkommene Abwechslung, jemanden zu sehen, der in größerer Gefahr steckt als ich.« Er begann, sich den übelsten aller Fälle auszumalen: Iranische Fundamentalisten schlagen die Tür ein und stürzen sich auf Rush­die, der Bär stellt sich ihnen mit Zitaten von Ibn Arabi oder Rumi ent­gegen, um ihnen klarzumachen, dass sie die Göttliche Fügung missdeutet hätten, Cops erheben sich und richten ihre Waffen auf ihn, und die Ent­scheidungsschlacht beginnt – ein typischer Freitagsnachts-Gig in New York. Die Saftigkeit der Bilder half ihm, sich ein wenig zu entspannen.
Bostic erzeugte mit der Mündung einer Bierflasche Nebelhorngeräusche, Bobby Hatwell reinigte seine Fingernägel mit dem Korkenzieher seines Schweizer Armeemessers, und Garrett schien sich für Bob Levine zu inter­essieren.
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mir gewünscht habe, dass ihr Jungs diesen Laden eröffnet«, sagte Levine.
»Sagen Sie’s trotzdem«, sagte Garrett.
»Glauben Sie, dass wir da einen Scheiß drauf geben?«, war Hatwells Frage.
»Es war abgemacht, dass Sie zwei Riesen rausrücken«, sagte der Bär erneut, ruhiger jetzt. »Eine Menge Geld ist in den Bau dieses Ladens geflos­sen. Man sieht es. Aber es ist nicht fair, wenn dann nichts mehr über ist, um die Musiker zu bezahlen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Hören Sie«, sagte Levine, »Sobald die Leute durch die Kasse kommen...«
»Aber das sind doch alles nicht zahlende Gäste«, sagte der Bär beharrlich.
»Ja, allein Ihre Plattenfirma belegt, glaub ich, sechs Tische.«
»Meine eigene Plattenfirma belegt sechs Tische? Jones, hast du mir etwas verschwiegen? Besitze ich eine Plattenfirma?«
»Ich hol Ihnen das Geld von der Kasse«, sagte Bob Levine flehentlich. »Und von der Bar, sobald die Gäste angefangen haben zu trinken.«

 

Das waren wirklich drei sehr schlaue Musiker. Die Band klang gut. Und wieviel Raum sie mir lassen. Ich habe fast den Eindruck, dass ich den vielleicht ein bisschen allzusehr ausfülle.
Er spürte, wie sein Körper sich entspannte, die Lunge sich beim Einatmen weitete, der Ton beim Ausatmen voller wurde. Er nahm die nächsten vier Takte im Doubletime-Laufschritt, schloss einen kleinen akzentverschiebenden Turnaround in die Auflösung an, Bird sei gedankt, und fühlte, wie eine Zelle nach der anderen im großen Dunkel seiner selbst erleuchtet wurde. Sauerstoff. Inspiration. Gefällt mir. Er nahm das Saxofon für zwei Takte aus der Schnauze und lachte lauthals, während sein Herz sich zu öff­nen begann – viel Platz da drin, und etwas, was mehr weiß als das Gefühl. Ja, dachte er – wie schon manchmal während der Tournee, doch niemals gleich zu Anfang des ersten Sets –, dafür ist die Musik da. Was ich im Mo­ment fühle, das ist das Leben wert, selbst wenn es ein so absurdes Leben ist wie meines. Mit Sicherheit allen Schweiß und alles Studium wert. Wenn er eine Stadt war, dann gingen dort jetzt in den Wohnungen die Lichter an, die Leute setzten sich an den Esstisch oder erhoben sich zum Tanz, Nach­barschaftsfeste begannen in den Nebenstraßen, und die einfachsten Tat­sachen des Lebens wurde gefeiert: Dem Gedächtnis war ein besonderes rhythmisches Nicken zugedacht, und die grundlegenden Hirnfunktionen inspirierten hier und da spontanes Gruppenhüpfen im Kreis. Das Wesen von Nacht und Tag griff ineinander, und am unentschiedenen Himmel breitete sich eine kräftige Farbmischung aus. Der Bär spazierte die Boule­vards entlang, und ihm gefiel alles, was er sah, der Charakter der Leute, die Dinge, die sie liebten, und die Art, wie sie sie liebten. Ein weiterer bedeutsamer Schritt vorwärts, und er sah das Labyrinth der Straßen sich in jener idealen Geometrie von Licht ausrichten, in der Identität ganzheitlich und jenseits der flüchtigen Akkorde von Zeit und Raum dargelegt wurde – eine radikale Verschiebung der Perspektive, aber, wie er bemerkte, noch keine entscheidende Substanzveränderung. Der Prozess bis hierher war ein Be­greifen, noch kein Aufstieg, und was er im Moment fühlte, war tiefe Freude zu sein, wer er war, wo er war, und falls das notwendigerweise all die Ge­winne und Verluste umfasste, die ihn hierhergeführt hatten, so hätte er wohl einige Einwände gehabt, war aber doch bereit, Ja zu sagen. Der Bär fühlte sein Herz vor Erwartung höher schlagen, das vertraute Zittern des Schleiers an seinem Eingang, unterdrückte jedoch den Drang auf die Ekstase zu, oder legte ihn vorerst im Interesse der fortschreitenden Besonderheiten dieses befriedigenden kleinen Solos im Rahmen eines Shuffle­lebens von Count Basie beiseite, gespielt auf einem ramponierten Martin-Saxofon in einem Club namens The Bridge.


Er holte den nächsten Chorus in blendenden, überkreuz akzentuierten Sechzehnteln aus den Tiefen seines Saxofons – die Pfoten arbeiteten schnell und bombensicher, die Zunge setzte komplexe Akzente, der Atem schien unerschöpflich – und ging in eine Reprise der von Trane fast in Drei­klängen komponierten Melodie über, rieb sich aber an deren Beschrän­kungen, ganz wie Trane selbst es getan hatte in jenen lähmenden Nächten, da der Durchbruch nicht gelingen wollte. Das ist es, was es zu spielen gibt, sagte er sich. Bleib dabei. Halte dich an das Bekannte. Schau, was es abwirft.
Andererseits, fiel ihm ein, warum erfordert es soviel Mühe, die Unendlichkeit auf Distanz zu halten? Und warum soll ich diese Mühe auf mich nehmen? Wann hätte ich denn je durch Sterben etwas verloren?
Der Bär kam über diesem Dilemma kurzzeitig ins Stolpern, aber der alerte Bobby Hatwell, der sein Zögern mitten im Chorus bemerkte, streute gleich eine Handvoll von forschenden Noten über die Tastatur. Der Bär nickte: Ja, gute Frage. Wer bin ich eigentlich?
Er begutachtete die chromatischen Möglichkeiten, die er aufgereiht hatte – Blitzanalyse eines hörbaren Regenbogens, Auseinandersetzung intelligibler Lichter –, als würden sie eine Spur freilegen, und ihm schien, dass sein Solo bei allem Abwechslungsreichtum nur ein geistig beschränktes, halb hysterisches Hin- und Herlaufen auf der Tastatur der bekannten Ideen war, von der Hoffnung getragen, dass irgendeine bisher unbekannte gesalbte Kombination des Bekannten ihm den Befreiungsschlag bescheren würde. Dies war aber wohl weder wesentlich noch sehr wahrscheinlich. Der Bär wollte das, was er immer gewollt hatte: Musik, die Leben und Tod zum Frühstück verspeiste und Zeit und Raum wie den morgendlichen Kaffee trank. In seiner Jugend war ihm das nicht weiter schwierig vorgekommen, er war letzten Endes jedoch nie gut genug gewesen, und jetzt war er halt älter geworden und hatte zu viele empirische Einzelheiten erlebt.



Aus dem Amerikanischen von Karsten Singelmann

© der deutschen Übersetzung bei btb Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH



Die Spiritualität des Jazz

»Manchmal ergriff den Bären eine Wut auf alles, was nicht das Absolute war, und seine Musik schrie dann ihr Sehnen mit einer Hingabe heraus, die der von John Coltrane ähneln musste.« Weiterblättern...


Max Frankl und der Bär

Zu den Lesern, die sich von Rafi Zabors Roman inspirieren ließen, gehört auch der bekannte deutsche Jazzgitarrist und Komponist Max Frankl, der 2012 mit dem begehrten ECHO-Jazz-Musikpreis ausgezeichnet wurde. Sein Stück »Der Bär kommt heim« findet sich auf seiner im selben Jahr erschienenen CD Home (Material Records).

Hier können Sie es sich online anhören...

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