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John G. Bennett
Mathematiker, Philosoph, Autor und spiritueller Lehrer

Von Bruno Martin 

 

John Godolphin Bennett wurde 1897 in England geboren. Es gibt viele gute Gründe, uns seine Lebensleistung in Erinnerung zu rufen: Er war nicht nur ein brillanter Mathematiker und Philosoph, er war auch einer der außergewöhnlichsten spirituellen Lehrer des zwanzigsten Jahrhunderts.

 

Bennetts »Suche nach der Wahrheit« begann durch ein intensives Nahtoderlebnis im Ersten Weltkrieg. 1919 wurde Bennett nach Istanbul geschickt, wo er für den britischen Geheimdienst arbeitete. Dort kam er in Kontakt mit türkischen Derwischen des Mevlevi-Ordens. 1920 lernte er den russischen Journalisten P.D. Ouspensky kennen, über den er in Kontakt mit dem geheimnisvollen Bewusstseinslehrer G.I. Gurdjieff kam, der sich gerade in Istanbul aufhielt. Diese Begegnung beeindruckte Bennett so nachhaltig, dass er Gurdjieff 1923 in dessen »Institut für die Harmonische Entwicklung des Menschen« in Fontainebleau, nahe Paris, aufsuchte. Aus beruflichen Gründen musste Bennett jedoch schon bald wieder nach England zurückkehren.

 

Dort schloss er sich später für einige Jahre P.D. Ouspensky an, der, selbst ein Schüler Gurdjieffs aus dessen Zeit in Russland, sich in England niedergelassen hatte und Gurdjieffs Ideen nach seiner eigenen Interpretation lehrte. Aufgrund der Wirren des Zweiten Weltkrieges und Ouspenskys schließlicher Ablehnung Gurdjieffs verlor Bennett den persönlichen Kontakt zu diesem. Nach Ouspenskys Tod 1947 kehrte er jedoch wieder zu Gurdjieff nach Paris zurück, wo er rund zwei Jahre in dessen Gruppen mitarbeitete.

 

Nach Gurdjieffs Tod im Jahre 1949 bildete Bennett eine eigene Gruppe in Coombe Springs bei London. Gurdjieff hatte Bennett inspiriert, nach dem inneren Muster der Spiritualität und darüber hinaus nach den Quellen des wirklichen Wissens zu suchen. Deshalb forschte er nach der Herkunft von Gurdjieffs Lehren, unternahm Reisen in den Orient auf der Suche nach dessen Lehrern und lernte einige östliche Meister kennen, die ihm bei seiner Suche halfen. Diese Reisen beschreibt er ausführlich in Journeys to Islamic Countries. Später begegnete er vielen weiteren faszinierenden Weisheitslehrern. Um nur einige der bekannteren zu erwähnen: Hasan Shushud, ein türkischer Sufi in der Tradition der »Meister der Weisheit«; Suleiman Dede, ein Mevlevi-Scheich in Konya; Pak Subuh, der indonesische Begründer des Subud; Maharishi Mahesh Yogi, der Begründer der Transzendentalen Meditation; Shivapuri Baba, ein indischer Rishi, der 136 Jahre alt wurde; Idries Shah, der einen westlichen Sufismus propagierte, und Reshad Feild, der die Kunst und Wissenschaft des Atems und die innere Essenz der Sufi-Lehren unterrichtet. Zusätzlich zu diesen Forschungen und Erfahrungen ließ Bennett wesentliche Einflüsse aus verschiedenen traditionellen Lehren, moderne Psychologie und zeitgenössische physikalisch-wissenschaftliche Erkenntnisse in seine Arbeit einfließen.

 

Einen prägenden Hintergrund für Bennetts spirituelle Arbeit bildete sein Beruf als Mathematiker. Durch sein frühes Nahtoderlebnis versuchte er immer wieder zu ergründen, was es mit den anderen, unsichtbaren Bereichen der Wirklichkeit auf sich hat und wie diese in unser physikalisch geprägtes Verständnis einer Welt aus drei Raum- und einer Zeitdimension hineinpassen. Er kam zu der Erkenntnis, dass es neben der gewöhnlichen Zeit eine weitere Zeitart als fünfte Dimension geben müsse und entwickelte ein mathematisches Modell dafür. In einfachen Worten: Während »die Zeit« die Verwirklichung von Potenzialen ermöglicht, sind die Potenziale selbst in dieser fünften Dimension enthalten, die er »Ewigkeit« nennt. »Ewigkeit« ist die Fähigkeit zu sein, der gegenwärtige Augenblick des Lebens in seiner Fülle. Bennetts Vision geht darüber aber noch hinaus, indem er die Fähigkeit zu tun, die Welt des kreativen Willens, als eine weitere, die sechste Dimension betrachtet, die jenseits unseres Bewusstseins wirkt. Diese Arbeit fand ihre praktische Umsetzung in Systematics, einer Methode, die gleichermaßen für unternehmerische Organisationen wie für das philosophische Verständnis von Qualitäten und Prozessen brauchbar ist, die sich nicht mit quantitativen mathematischen Analysen verstehenlassen. Das Enneagramm ist Teil dieser Methode. Alle diese Erkenntnisse vermittelte Bennett in seinem epochalen, intellektuell höchst herausfordernden vierbändigen Werk The Dramatic Universe, das leider bis heute nicht ins Deutsche übersetzt ist.

 

Neben seiner beruflichen Tätigkeit in der Kohlenstoff-Chemieindustrie und seiner zehnjährigen Arbeit an Systematics leitete Bennett Gruppen des»Vierten Weges«. Diese Gruppenarbeit beruht auf den Methoden und Einsichten G.I. Gurdjieffs, bei denen es um die »harmonische Entwicklung des Menschen« geht. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen mit diesen Lehren und den neuen Erkenntnissen über das strukturierte Lernen war Bennett in der Lage, Gurdjieffs Methoden weiterzuentwickeln und außerdem mit Techniken und Methoden anderer Lehren zu einem ganzheitlichen Schulungsweg zu verbinden. In der Würdigung zu seinem Todestag am 13. Dezember 1974 schrieb die englische Times: 

 

»Um John Bennetts Leistung zu verstehen, muss man die Einsicht G.I. Gurdjieffs anerkennen, welcher nachdrücklich betonte, dass der Mensch völlig blind geworden sei für das, was wirklich ist. Bennett, der leicht eine brillante Zukunft als Wissenschaftler hätte haben können, wurde einer der wichtigsten Lehrer der Ideen Gurdjieffs und Ouspenskys von der Transformation des Menschen. Er glaubte, dass eine Lehre des Lebens verloren geht, wenn nicht ständig neue Einsichten gefunden werden, die ihre Bedeutung erneuern.«

 

Bennetts Bedeutung liegt jedoch nicht so sehr darin, dass er zu einem unabhängigen »Nachfolger« oder Exponent von Gurdjieffs Ideen wurde, sondern dass er es verstand, an dem angefangenen Gebäude von Gurdjieffs Lehre und seinen Methoden weiterzubauen.

 

Neben seinem Hauptwerk The Dramatic Universe schrieb John G. Bennett weitere wichtige Bücher über die spirituelle Entfaltung des Menschen. Viele seiner veröffentlichten Bücher sind aus Vorträgen zusammengestellt, die er stets frei hielt.

 

John G. Bennett starb am 13. Dezember 1974 im Sherborne House, England.

 

  

 

 

 

Ein Dokumentarfilm über John G. Bennett und sein spannendes Leben. Weiterblättern...  

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